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Porträt

Ein Pfarrer für alle Fälle

Von: Isabella Seemann

25. Juni 2013

Der Pfarrer Thomas Schüpbach holt mit viel Einsatz seine Schäfchen in die ­reformierte Kirchgemeinde Sihlfeld zurück – und wenns mal brennt, ist er zur Stelle.

Im Schlaf. Beim Essen, wenn die Gabel ins Risotto sticht. Am Spieltisch, wenn er gerade seine Ehefrau und die zwei Kinder im Eile mit Weile schlagen könnte. Es kann überall passieren und immer, in jeder Minute: Alarm!

Thomas Schüpbach steigt in die Stiefel, zieht die schon darüber­gestülpte Hose hoch, Jacke zu, Check: Handschuhe? Da. Helm greifen und Funkgeräte. Er öffnet die ­Türen der Feuerwehrwache, springt ans Steuer des Tanklöschfahrzeugs. An Bord sind 2680 Liter Löschwasser, Schaummittel, mehrere Hundert Meter Schläuche, Leitern, ein Generator und Atemschutzgeräte. Draussen ist es 34 Grad heiss, unter dem Helm läuft der Schweiss, er kitzelt an der Nase, das Herz pumpt im Hals, längst nass die Unterwäsche, dicke Adern, ein «gefühlter halber Zentner» Ausrüstung am Mann. Es geht los! So schnell, wie es nur mit grösster Routine, Aufmerksamkeit und Ernsthaftigkeit geschehen kann, fährt er den 18-Tönner aus dem ­Depot beim Sihlhölzli.

Feuerwehr und Evangelium
Zum Glück ist es nur eine Demonstration für die Reporterin. Doch im Alltag gilt es Ernst, wenn der Pager piept: eine Küche, die in Flammen steht, oder Keller und Wohnungen unter Wasser, Grossbrände wie jener in der Roten Fabrik oder eine Brandstiftung wie die an der Erlachstrasse letzten September, bei der es das Dach eines Wohnblocks weggesprengt hat. Thomas Schüpbach dient bei der freiwilligen Feuerwehr, er versteht es als Dienst an den ­Menschen. Hauptberuflich ist er Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde Sihlfeld im Kreis 3. «Es mag ein wenig pathetisch klingen», sagt er, «aber tatsächlich sind viele Tätigkeiten eines Feuerwehrmannes mit mancher Maxime aus dem Evangelium vergleichbar, weil sie stets helfende Aspekte beinhalten und letztlich dem Wohlergehen des Menschen förderlich sind.» Und die Menschen sind ihm dankbar.

Zu seinem ungewöhnlichen Hobby kam er vor gut fünfzehn Jahren, zu Beginn seiner pfarramtlichen Tätigkeit auf dem Land, im Kanton Aargau. Er sagte sich, statt den Feuerwehrpflichtersatz zu bezahlen, könnte er ebenso gut bei der Miliz-Feuerwehr mit anpacken und sich fürs Gemeinwohl engagieren. Denn, so viel wird klar, wenn man mit dem 42-Jährigen redet: Christentum hat viel mit Worten, aber auch viel mit Taten zu tun. Der Glaube ist eine Praxis. «Zudem lerne ich auch viele Leute kennen, die ich sonst vielleicht nicht getroffen hätte». Umgekehrt kommen viele Feuerwehrleute mit einem Pfarrer in Kontakt, die sich vielleicht längst von der Kirche verabschiedet haben. «Ich bringe mich aber grundsätzlich nur als Person Thomas Schüpbach ein», winkt er ab, «und nicht als Pfarrer, ausser wenn ich auf Gott oder Glauben angesprochen werde.» Er ist ein gewöhnlicher Feuerwehrmann. Ausnahmen werden seinetwegen nicht gemacht. Doch hin und wieder bittet ihn ein Kamerad, ob er nicht seine Trauung oder die Taufe seines Kindes vornehmen könnte. Im Gegenzug fährt die Feuerwehr schon mal mit der Drehleiter zum Sommerfest der Kirche vor zur Freude der Kinder. Auf den ersten Blick würde man Schüpbach nicht für einen Pfarrer halten. Mit seiner Lockenmähne und dem fein ziselierten Bärtchen könnte er auch als Partyorganisator oder Szenegastronom durchgehen. Tatsächlich: «Zu einem guten Essen sage ich nie Nein», flüstert er, grinst und legt verschwörerisch den Finger auf den Mund, «auch mein Weinkeller ist gut bestückt.» Genuss und Völlerei – im wörtlichen und im übertragenen Sinn, beidem ist er nicht abhold. «Es ist Segen und Fluch zugleich», sagt er, «dass ich mich für so vieles interessiere.» Seine enorme Neugierde und Begeisterung für alles Mögliche führe ihn von einem Abenteuer zum anderen. Und dank seines Talents, Kontakte zu knüpfen, kommen auch immer wieder Prominente an die von ihm organisierten Veranstaltungen.

Der Film ist eine seiner Leidenschaften. In seinem Pfarrhaus an der Brahmsstrasse in der Nähe des Albisriederplatzes hängen Filmplakate an den Wänden. Im «Monolith», so wird seine Andreaskirche im Volksmund genannt, weil sie wie ein grosser Granitwürfel aussieht, organisiert er Filmvorführungen, durchaus in Verbindung zur Theologie. «Der titanische Kampf um Gut und Böse, die Spiegelung der eigenen Seele im Schauspiel, die Wendepunkte in der Dramaturgie bis hin zu Wegweisern: Ein Film erzählt ebenso Gleichnisse wie biblische Geschichten, und umgekehrt finden biblische Geschichten ihren Widerhall im Film.» Seit drei Jahren wird er an internationalen Filmfestivals in ökumenischen oder reformierten Jurys eingesetzt, welche neben ästhetischen besonders auch ethische und soziale ­Aspekte eines Films bewerten. Und gelegentlich schreibt er für die Branchenzeitung «Reformierte Presse» Filmkritiken.

Schafhirte in Neuseeland
Warum er überhaupt Pfarrer wurde? «Gott», sagt er, «hat sich, schon als ich ein Kleinkind war, fest in meinem Herzen verankert.» Allerdings sei der Glaube für ihn lange eine private Angelegenheit gewesen. Ein Wendepunkt im Leben des Thomas Schüpbach war, als er mit 18 einen schweren Skiunfall hatte, bei dem ihm um Haaresbreite die Rückenmarknerven durchtrennt wurden und er danach monatelang im Bett ruhen musste. Eine weitere Grenzerfahrung war nach der Genesung auch seine Arbeit als Schafhirte in Neuseeland. «In diesen Tagen, während ich alleine durch die Landschaft ritt und für Tausende von Schafen verantwortlich war», erinnert er sich, «setzte sich in mir der Wunsch fest, Theologie zu studieren, und ich meldete mich noch vom anderen Ende der Welt aus für das Studium an der Universität Basel an.» Die Kirchgemeinde Sihlfeld, wo er seit bald zehn Jahren wirkt, gehört zu den wenigen, die einen Zuwachs an Mitgliedern verzeichnen können. Schüpbachs Prinzip ist, den Leuten über die Schwelle zu helfen. «Viele Menschen im Quartier sind völlig kirchenfern. Mit Kino, Konzerten und Gemeinschaftsessen wollen wir sie wieder etwas an die Kirche binden.» Der Monolith soll zum Magneten im Quartier werden. Seiner Meinung nach suchen viele Leute nach einer Gegenwelt zum Alltäglichen und Profanen. Sie kommen wohl wegen der Ruhe, wegen der Möglichkeit, abzuschalten, andere suchen die Gemeinschaft. Aber jeder nimmt auch gern ein gutes Wort und einen Segen mit. «Indem wir den Menschen unseren Gott zeigen, zeigen wir, dass jedes Leben in einen grösseren Zusammenhang gestellt und jeder Mensch gewollt ist.» Klingt altmodisch, ist aber aktuell. Man muss nur den Mut fassen, es auszu­sprechen.

Open-Air-Kino auf der Wiese der ­Andreaskirche am 5. Juli, ab 21 Uhr.
www.sihlfeld.ch

 

 

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