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Gut zu wissen

Dauernde Dunkelheit, quälende Enge bei Wasser und Brot: Im Erdgeschoss des Wellenbergturms befanden sich die Verliese. Bild: PD

Das "Alcatraz" von Zürich

Von: Isabella Seemann

05. September 2014

Im Wellenberg wurden auch bekannte Persönlichkeiten eingesperrt und gefoltert.

«In Wellenberg! In Wellenberg!», brüllte der Pöbel, bevor sie den gestürzten Bürgermeister Hans Waldmann vor seiner Hinrichtung am 6. April 1489 in den Kerker warfen. Dieser befand sich im Wellenbergturm mitten in der Limmat, wenige Meter flussaufwärts vom heutigen Waldmann-Denkmal. Als Teil der mittelalterlichen Stadtfestung diente der «Schelmenturm» seit Beginn des 14. Jahrhunderts hauptsächlich als Untersuchungsgefängnis und als Verwahrungsort für zum Tode Verurteilte. Freiheitsstrafen waren unüblich, sodass keiner allzu lange einsass im 50  Fuss hohen Turm. Auch Waldmann blieb nur fünf peinvolle Tage. Im Erdgeschoss befanden sich zwei Verliese für Untersuchungsgefangene, die durch dauernde Dunkelheit, quälende Enge und bei Wasser und Brot zu einem Geständnis gezwungen werden sollten. Wenn das nichts half, dann wurden sie in die Folterkammer geführt, wo der Häftling auf die Streckbank kam. Auf den oberen drei Stockwerken mit grandioser Aussicht über Zürich, den See und das Alpenpanorama gab es je drei Zellen, die sogar mit Ofen geheizt werden konnten, und deren Insassen dreimal täglich warme Mahlzeiten erhielten. Im Jahre 1799, als Zürich von französischen Truppen besetzt war und der Wellenberg als Militärgefängnis diente, geriet der Turm am 5.  Dezember in Brand. Nach dem liberalem Umschwung, die Folter war längst abgeschafft worden, und die Todesurteile gingen zurück, wurde 1837 schliesslich auch der Turm abgebrochen, um den oberen Limmatraum neu gestalten und die Stadt zum See hin öffnen zu können. Die mächtigen Steinblöcke der Gefängnismauern dienten für den Bau der neuen Quaianlagen an der Limmat.  

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