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Gut zu wissen

«Weg mit dem Niederdorf!» Im Auftrag der Stadt entwarf Architekt Karl Moser 1933 einen radikalen Vorschlag: Bis auf die grösseren Kirchen und das Rathaus sollte die Altstadt vollständig abgebrochen werden. Bild: PD

Der Mann, der das Niederdorf abreissen wollte

Von: Isabella Seemann

23. September 2014

Der ETH-Architekturprofessor Karl Moser wollte nur das Grossmünster und das Rathaus stehen lassen.

Wäre es nach Karl Moser gegangen, stünden heute entlang der Limmat, zwischen Bellevue und Central statt mittelalterlicher Häuschen allenthalben gleichförmige Bürowohnkuben beidseits des Flusses. Die Stadt hatte den ETH-Professor und Architekten von Universität und Kunsthaus 1933 beauftragt, Pläne für die Neugestaltung des Niederdorfs auszuarbeiten. Es ging ihr weniger um eine ambitiöse Grossstadt-Utopie als um «Correctionen» drängender Missstände; denn die Altstadt, Nistplatz von Taglöhnern, Hort der Prostitution und Hauptquartier von Revoluzzern, war vollkommen verlottert. Zudem sollte das jahrzehntealte Strassenprojekt «Zähringer-Durchstich», eine 80  Meter breite Verkehrsschneise vom Pfauen zum Predigerplatz, vorangetrieben werden.


Mosers Plan: Weg mit dem Dörfli! Alles abreissen, ausser dem Grossmünster und dem Rathaus, um Platz zu schaffen für mächtige, lichte Blöcke aus Eisenbeton und Glas an ­breiten Alleen. Eine Reihe von vier 14-stöckigen Kuben auf u-förmigem Grundriss hatte er rechtsufrig vorgesehen, linksufrig setzte ein 21-geschossiges Hochhaus einen Kontrapunkt. Eine solche Radikalität kannte man erst von Le Corbusiers Ideen für das alte Paris. Und ganz wohl fühlten sich die Zürcher mit dem Wegbereiter der Moderne nicht. Dass Mosers Plan schliesslich verworfen wurde, ist dem Kanton zu verdanken, der die Genehmigung für die neue Baulinie verweigerte. Und so wurde der Plan so lange redimensioniert, bis er ganz verschwand. Das Niederdorf wurde nach dem Zweiten Weltkrieg auf behutsamere Weise saniert – durch Gentrifizierung und massvolle Verkitschung.

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Leserkommentare

Urs Rösli - Da können wir einfach nur froh sein, dass sich der Kanton eingemischt hat und die Genehmigung verweigerte. Ich habe einmal geschrieben, Städte würden erst in ein paar Jahren spüren, WAS sie alles zerstört haben....

Vor 7 Jahren 2 Monaten  · 
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