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Gut zu wissen

Eine Séance des Mediums Rudi Schneider (mit gesenktem Kopf) Bild: PD

Geistwesen und Visionen

Von: Jan Strobel

11. November 2014

Parapsychologie: In den 20er- und 30er-Jahren trafen sich illustre Zürcher Kreise zu Séancen.

In der Zürcher Wohnung von Rudolf Bernoulli, Kunsthistoriker an der ETH, ereignete sich an jenem Abend des Jahres 1924 Ungeheuerliches. Versammelt in Bernoullis Salon hatten sich akademische Schwergewichte der Stadt, unter anderen Eugen Bleuler, Direktor des Burghölzli, oder C. G. Jung, der neue Star der analytischen Psychologie. Bernoulli hatte zu einer Séance mit dem deutschen Medium Rudi Schneider geladen. Der gerade einmal 16-Jährige, eigentlich Motormechaniker, gehörte damals zu den bekanntesten Medien des Kontinents. Das Bürgertum pilgerte zu seinen Sitzungen, an ­denen es zu «telekinetischen Phänomenen» gekommen sein soll. Ohnehin war die Beschäftigung mit der Parapsychologie schwer in Mode. Tatsächlich ereilte C. G. Jung an jenem Abend mit Rudi Schneider eine Vision: Er habe, berichtete er später, eine Hand ohne dazugehörigen Körper gesehen, die eine Glocke hochgehoben und geläutet habe. Eine Hand, die nicht diejenige Schneiders gewesen sein konnte.

Ab 1930 veranstaltete in Zürich auch das Medium Oskar Rudolf Schlag regelmässig Séancen. Er sah sich als «Sprecher des Geistwesens A.» und scharte einen illustren Kreis um sich, den er «Atma Anupadaka» nannte. Zu diesem Zirkel gehörte neben Eugen Bleuler zum Beispiel auch der Mäzen Hans Reinhart. Schlag, gebürtiger Bayer, liess sich dauerhaft in Zürich nieder und nahm aus Protest gegen die Hitler-Diktatur in seiner Heimat die haitianische Staatsbürgerschaft an. Er hielt Vorlesungen am Institut für Angewandte Psychologie und arbeitete als Psychotherapeut. Seine umfangreiche Bibliothek für Alchemie, Tarot, Mystik oder Magie ging nach seinem Tod 1990 an die Zentralbibliothek. Sie gehört weltweit zu den grössten Bibliotheken dieser Art.

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