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Gut zu wissen

Italienische Delikatessen an der Stampfenbachstrasse 17, Bild um 1901. Bild: Baugeschichtliches Archiv Zürich

Seefelder Bier und Mailänder Salami

Von: Jan Strobel

09. August 2018

Momentaufnahme: Eine Fotografie aus dem Jahr 1901 erzählt kulinarische, aber auch unternehmerische und gesellschaftliche Geschichten aus dem Zürich der vorletzten Jahrhundertwende.

Wären in dieser Aufnahme aus dem Jahr 1901 nicht die Werbetafel von Sprüngli und am rechten Bildrand ein Werbeplakat für Berner Tobler-Schokolade zu sehen, die Szenerie könnte sich genauso gut in einem italienischen Dorf um die vorletzte Jahrhundertwende abspielen. Das Foto entstand allerdings an der Stampfenbachstrasse 17, dort, wo sich heute Amtsbüros des Kantons Zürich befinden. 

Das Gruppenbild zeigt Mitglieder der italienischen Familie Corrieri, die stolz vor ihrem italienischen Delikatessengeschäft mit der üppigen Auslage posiert. Im Mittelpunkt stehen zwei Männer, der eine hält saftige Trauben in die Höhe, der andere hat sich ­gerade einen Chianti aus einem Fiasco, einer Korbflasche, eingeschenkt. Ganz rechts nippt ein bärtiger Mann an seinem Flaschenbier. Vielleicht stammt es von der Seefelder Brauerei Leopold Haas, deren Bier auch von den Corrieris vertrieben wurde. Daneben führte das Geschäft Mailänder Salami und Sardinen oder auch Limonade der Zürcher Mineralwasserfabrik Paul Weber. Die Früchte ruhten in Körben, ausgelegt mit Zeitungsseiten des «Tages-Anzeigers». 

Die Corrieris stammten aus der Provinz Lucca in der Toskana und gehörten damals zur immer stärker wachsenden Gemeinde von Italienern, die in die Schweiz zuwanderten. Um 1900 lebten hierzulande bereits über 110 000 Italiener, von denen die meisten aus dem Norden des Landes stammten. 

So idyllisch, wie sich die Szene in der Fotografie ausnimmt, war das Leben der Einwanderer aber in Zürich keineswegs. Nur vier Jahre vor dieser Aufnahme, im Sommer 1896, war es in Aussersihl zum Italienerkrawall zwischen einheimischen Arbeitern und Zugewanderten gekommen. 

Für die Corrieris lief das Geschäft mit Delikatessen, Südfrüchten und Wein allerdings bestens. Von der bescheidenen Stampfenbachstrasse zog das Geschäft in den 1910er-Jahren an den Bahnhofplatz um, später an die Bahnhofstrasse 91. Wenn es in Zürich um Delikatessen ging, wurde Corrieri zu der Institution schlechthin, bis 1986 der Laden aufgegeben wurde aus Mangel an einer geeigneten Nachfolge. 

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Leserkommentare

Michele Corrieri - Schön, meine Vorfahren zu sehen.

Vor 2 Jahren 6 Monaten  · 
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