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Interview

Juristin Barbara E. Ludwig leitet die Betriebe von Sucht und Drogen der Stadt Zürich. Bild: PD

"Alkohol ist die Partydroge Nummer Eins"

Von: Clarissa Rohrbach

09. Dezember 2014

Sie war die erste Polizeichefin der Schweiz. Nun ist Barbara E. Ludwig seit 100 Tagen Leiterin des Geschäftsbereichs Sucht und Drogen der Stadt Zürich. Im Interview erklärt sie, wieso jeder Mensch für sie gleich viel wert ist.

Frau Ludwig, Sie hatten mit Flüchtlingen sowie Kriegsopfern zu tun. Und jetzt mit Süchtigen und Prostituierten. Leiden Sie an einem Helfersyndrom?


Barbara E. Ludwig: Nein. (lacht) Als Juristin gehe ich die Sachen ziemlich nüchtern an. Ich hatte aber schon während des Studiums mit Benachteiligten zu tun, weil ich mich auf Menschenrechte spezialisiert habe. Meine Doktorarbeit handelte von Folter, mein erster Job war im Asylbereich: So ergab es sich. Ich bin überzeugt, dass der Staat die gleichen Chancen für alle schaffen muss, auch für diejenigen mit einer schlechten Ausgangslage. Jeder Mensch ist gleich viel wert.


Was halten Sie vom Sprichwort «Jeder ist seines Glückes Schmied»?
Das würde in einer idealen Welt gelten, in der alle die gleichen Chancen haben. Es ist aber ein Fakt, dass es Menschen gibt, die sich zwar Mühe geben, aber nicht genug Kraft haben oder durch einen Schicksalsschlag den Anschluss verpassen. Wenn der Staat kann, sollte er diese Leute nicht fallen lassen, sondern ihnen helfen aufzustehen. Ich möchte auch, dass man mir helfen würde, wenn es mir nicht gut ginge.


Vor über 20 Jahren haben Sie beim Roten Kreuz die Spritzenabgabe am Platzspitz aufgebaut. Sie kehren so quasi dorthin zurück, wo Sie angefangen haben. Wie fühlt sich das an?
Es ist wie heimkommen. In Zürich habe ich den Grundstein für meine Karriere gelegt: Zurückzukehren macht sie rund. Und ich mag es, wieder am Puls des Lebens zu sein, zu merken, was die Leute brauchen. Mein Team hilft mir dabei mit sehr viel Herzblut.


Die Stadt hat mit dem weniger repressiven Umgang der Drogenszene Mitte der 90er-Jahre einen Erfolg gefeiert. Wieso war die Strategie erfolgreich?
Mit dem 4-Säulen-Modell wurde die Repression mit Prävention, Schadenminderung und Therapie ergänzt. Die verschiedenen Ansätze boten für jeden eine Lösung.


Heroin klingt nach 90er-Jahre. Was wurde aus den Junkies von damals?
Die Abhängigen, die früher am Platzspitz waren, sind heute 40- bis 50-jährig und leiden frühzeitig unter Altersbeschwerden. Wir haben dafür die Projektgruppe «Sucht im Alter» geschaffen, in der wir nun bereichsübergreifend, zum Beispiel auch mit den Wohneinrichtungen, überlegen, wie wir mit den spezifischen Bedürfnissen dieser Klientinnen und Klienten umgehen.


Zürich hat sich zu einer internationalen Partystadt gemausert. Fördern die Clubs den Drogenkonsum?
Partydroge Nummer eins ist Alkohol. Rund ein Fünftel der Bevölkerung trinkt sich mindestens einmal pro Monat in den Rausch. In den letzten zwei Jahrzehnten haben Kokain, Amphetamin und Ecstasy an Partys Einzug gehalten. Das hängt auch mit dem Druck unserer Leistungsgesellschaft zusammen. In einer Grossstadt wie Zürich sind Partydrogen zudem spürbarer als anderswo. Seit 2007 ist der Konsum von illegalen Substanzen aber insgesamt eher rückläufig. Für die meisten Personen sind illegale Drogen kein Thema.


Die am häufigsten konsumierte illegale Substanz in der Schweiz ist nach wie vor Cannabis. Sind Sie für oder gegen eine Legalisierung?
Verschiedene Schweizer Städte haben sich zu einer «Arbeitsgruppe Cannabis» zusammengetan. Zürich gehört auch dazu. Die Arbeitsgruppe wird nächstes Jahr bundesweit eine Haltung zu diesem Thema erarbeiten.


Sie sind auch für die Sexboxen zuständig. Hilfswerke, welche die Prostituierten betreuen, behaupten, die Frauen würden wegen der Boxen in den Untergrund abtauchen und so gefährlicher leben.
Das entspricht nicht unserer Wahrnehmung. Die Sicherheit und die Arbeitsbedingungen für die Strassenprostituierten haben sich dank dem Strichplatz massiv verbessert. Auch  für die Anwohnenden des Sihlquais bringt er eine grosse Entlastung. Die Stadt hat die Zielsetzungen, die sie mit dem Strichplatz verfolgt hat, vollumfänglich erreicht.


Sie hatten 100 Tage, um sich vorzubereiten. Sind Sie nun startklar?

Ich hoffe es! In dieser Zeit habe ich mich intensiv mit meinen verschiedenen Betrieben und den Prozessen beschäftigt. In den nächsten sechs Monaten möchte ich mir zu den jeweiligen Fragestellungen ein detaillierteres Bild machen und Handlungsoptionen für die Zukunft entwickeln.


Sie waren als erste Frau landesweit Leiterin eines Polizeikommandos (Kanton Schwyz). War das schwierig?
Zu dieser Zeit war ich leidenschaftlich dabei und sah keine Schwierigkeiten, mich durchzusetzen. Aber wenn ich jetzt zurückschaue, merke ich, dass ich mich als einzige Frau bisweilen einsam fühlte. Unter Frauen ist der Austausch einfach anders als nur mit Männern.


Haben Sie überhaupt noch Zeit für sich selber?
Ich habe keine Kinder, einen lieben Mann und nur einen Job. Die wahren Heldinnen sind Frauen mit zwei Jobs und zusätzlich noch Kindern.

Laut Suchtmonitoring haben 2013 rund 6 Prozent der Schweizer in den letzten 12 Monaten mindestens einmal Cannabis konsumiert. Bei den 20- bis 24-Jährigen hat ein Fünftel diese Droge genommen. Weniger als 1 Prozent gaben an, im letzten Jahr Kokain, Heroin, LSD oder Ecstasy probiert zu haben. 63 Prozent der Befragten gaben an, noch nie Drogen eingenommen zu haben, während ein Drittel mindestens einmal im Leben Cannabis probiert hat.

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