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Interview

Hedwig Fijen hat 1993 die Manifesta gegründet. Bild: Livio Baumgartner

«Das Volk macht die Kunst»

Von: Clarissa Rohrbach

31. Mai 2016

Am 11. Juni beginnt die europäische Kunstbiennale Manifesta in Zürich. Direktorin Hedwig Fijen spricht über das paradiesische Zürich, ihren ersten Sommerjob und Kunst, die vor Islamophobie rettet.

Frau Fijen, das Motto der Manifesta ist: «What People Do For Money: Some Joint Ventures». Ist das eine Provokation, um anzudeuten, dass die Zürcher aufs Geld fixiert sind?
Nein. Das ist keine Provokation, sondern eine spannende, aber auch ernste Frage. Werden wir in Zukunft – in einer robotisierten Gesellschaft – noch arbeiten? Können wir unsere Eltern noch versorgen? Die Schweiz ist eines der ersten Länder weltweit, das über ein bedingungsloses Grundeinkommen abstimmt. Aber das Nachdenken über alternative Arbeitsmodelle ist weltweit ein aktuelles Thema. Die Wirtschaft ist heute global vernetzt, Zürich ist ein Beispiel, ein Pars pro Toto.

Was bringt die Biennale den Zürchern?
Stadtpräsidentin Corine Mauch hat mich schon drei, vier Mal an vergangenen Editionen der Manifesta besucht. Sie sagte mir, Zürich habe wunderbare kulturelle Institutionen, doch viele seien oft leer. Wir fragten uns, wie wir langfristig ein breites Interesse an der Kunst wecken können. Nach dem Konzept von Kurator Christian Jankowski begleiteten 30 Künstler ebenso viele Menschen aus verschiedenen Berufen. So wurde das Volk involviert, es nahm an der Kunst teil. Das, was daraus entstand, wird an öffentlichen Orten, zum Beispiel an Arbeitsplätzen der Polizei oder bei der Feuerwehr, ausgestellt. So soll der Zugang auch für Leute, die sich nicht für Kunst interessieren, einfacher sein.

Christian Jankowski ist bekannt dafür, mit nicht kunstaffinen Leuten zu arbeiten. Haben Sie ihn deswegen als Kurator eingesetzt?
Genau. Er ist nicht theoretisch, sondern interagiert mit der Bevölkerung. An der Manifesta 11 hat er ausserdem zwei andere Highlights geschaffen. Das Cabaret Voltaire wird zu einem Zunfthaus der Künstler, in das nur Einlass hat, wer eine Performance darbietet. So konsumieren die Leute nicht nur Kunst, sondern machen sie selber. Und dann sind da noch die Filme von ZHDK-Studierenden, die wir abends im Pavillon of Reflections zeigen. Sie haben die 30 Projekte begleitet und reflektiert, wie Kunst entsteht. So holen wir auch Junge ab.

Hundestylistin, Sexworkerin oder Thaiboxer: Es kommen auch exotische Berufe vor. Wie wurden diese ausgewählt?
Das Soziologische Institut der Universität Zürich hat uns eine Liste mit allen in der Stadt ausgeübten Berufen zur Verfügung gestellt. Daraus haben die Künstler frei gewählt. Alle 30 Hosts haben ohne Entschädigung mit­gemacht, das ist nicht selbst­verständlich.

Welche Produktion gefällt Ihnen am besten?
Der umstrittene Autor Michel Houellebecq hat für die Frage «Qui est Michel?» seinen Körper von einem Arzt untersuchen lassen. Interessant finde ich auch, wie Marguerite Humeau mit einem ETH-Ingenieur die Möglichkeit einer Roboterliebe hinterfragte. Am spannendsten finde ich aber, wie sich die Bevölkerung zu den Kunstwerken verhalten wird. Ich hoffe, es kommen viele Vertreter aus allen Berufsgruppen!

Das ist also wirklich Kunst für alle?
Ja. Arbeit geht uns alle etwas an.

Wie viele Leute erwarten Sie?
Wir hoffen auf 100 000 Gäste. Es ist aber schwer zu sagen, die Zahlen sind unterschiedlich. An die letzte Manifesta in St. Petersburg kamen 1,5 Millionen. Wenn das Wetter schön ist, werden sicher viele den Pavillon of Reflections auf dem See besuchen. Da wird tagsüber auch gebadet.

Was war Ihr erster Job?
Mit 14 Jahren verkaufte ich Souvenirs an einem Amsterdamer Kanal. Auch während des Studiums der Geschichte und Kunstgeschichte habe ich immer gearbeitet. Meine Tochter ist jetzt an der Uni und hat ebenfalls einen Nebenjob. Ich finde das wichtig: So isoliert man sich nicht im Elfenbeinturm, sondern führt einen Dialog mit der Gesellschaft.

Was macht Ihre Arbeit aus Ihnen?
Vor rund 25 Jahren habe ich die Manifesta gegründet, damals eine kleine Kollaboration zwischen Ost- und Westeuropa. Heute sind wir 55 Mitarbeiter, die sich mit drei Biennalen gleichzeitig auseinandersetzen. Ich arbeite viele Stunden, engagiert. Weil ich überzeugt bin, dass Kunst eine bessere Welt schaffen kann. Die Menschen in Europa haben Angst. Migration ändert das Klima, die Islamophobie wächst. Da bietet die Kunst einen hoffnungsvollen Blick in die Zukunft.

Die Manifesta setzt sich zum Ziel, die Befindlichkeit eines Ortes zu erforschen. Was haben Sie über Zürich herausgefunden?
Die Arbeitsbedingungen sind im Vergleich zu Europa paradiesisch. Die Schweizer arbeiten viel und improvisieren nicht so gerne, vieles ist sehr bürokratisch. Doch Zürich bietet eine gute Balance mit seinen Freizeitangeboten, vor allem den vielen Badis. Allgemein bewundere ich die grosse Transparenz, Kreativität und Effizienz der Stadt: Alles läuft reibungslos. Einzig der Wohnraum wird für Zürichs Einwohner zu teuer. Dass reiche Expats Grossstädte erobern, ist ein globales Thema. Wir werden es sicher in einer der nächsten Manifesta-Editionen behandeln.

Manifesta 11:
Für die europäische Kunstbiennale haben 30 internationale Künstler Menschen aus verschiedenen Berufen in der Stadt Zürich begleitet. Die Resultate dieser «Joint Ventures» werden im Löwenbräu-Kunstareal und im Helmhaus sowie an den jeweiligen Arbeitsplätzen gezeigt. Dazu gibt es von ZHDK-Studenten gedrehte Filme im Pavillon of Reflections, ein Floss beim Bellevue. Das Cabaret Voltaire verwandelt sich in ein «Zunfthaus der Künstler», wo nur eintreten kann, wer eine Performance darbietet. Die Manifesta dauert bis 18. September und sucht noch Freiwillige, die helfen. Dafür gibt es einen Saison-pass und zahlreiche Goodies. Wer mitmachen will, kann sich anmelden unter: www.manifesta11.org/volunteer

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