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Interview

Der Schwamendinger SVP-Politiker Heinz Schatt wird während eines Jahres auf dem «Bock» Platz nehmen und als Präsident die Geschicke des Gemeinderats lenken. Bild: Nicolas Y. Aebi

Gegenwind treibt ihn an

Von: Isabella Seemann

07. Mai 2019

Das Stadtparlament wählt heute voraussichtlich Heinz Schatt (SVP) zum Gemeinderatspräsidenten und damit zum höchsten Zürcher. Mit ihm nimmt ein alteingesessener Schwamendinger auf dem «Bock» Platz.

Als Treffpunkt haben Sie den Bauernhof Gfellerhof in Schwamendingen gewählt. Was verbindet Sie mit diesem Ort?
Heinz Schatt: Ich lebe seit meiner Heirat vor 40 Jahren in Schwamendingen und gründete hier meine Familie. Denjenigen Zürchern, die das Quartier nur von seiner hässlichen Seite kennen, nämlich aus dem Autofenster heraus, wenn sie die Expressstrasse durchfahren, möchte ich die schöne Seite zeigen. Das ehemalige Bauerndorf hat noch immer eine bäuerliche Seite und weist gleich drei Bauernhöfe auf, deren Landwirtschaftsflächen fast bis ins Zentrum reichen. Vorhin sind gerade 90 Kühe von der Weide in den Stall gelaufen – ein Spektakel fast wie beim Alpabzug! Mit dem Gfellerhof verbindet mich auch die Kommissionsarbeit im Gemeinderat. Als damaliger Präsident der Spezialkommission Tiefbau- und Entsorgungsdepartement setzte ich mich für den Objektkredit zur Sanierung des Landwirtschaftsbetriebs ein, der in städtischem Besitz ist. Das wurde einstimmig angenommen.

Gleichwohl geniesst Schwamendingen nicht den besten Ruf. Als designierter Gemeinderatspräsident haben Sie jetzt im «Tagblatt» die Chance, Ihr Quartier in ein gutes Licht zu rücken.
Schwamendingen ist ein äusserst lebendiges Quartier, das beweist die berühmte Schwamendinger Chilbi, die eine Chilbi der Schwamendinger Vereine ist. Das zeigt, dass sich die Quartierbewohner füreinander engagieren. In fünf Minuten sind wir zu Fuss im Wald, es gibt grosszügige Grünräume, die Siedlungen sind überschaubar, es gibt vielfältige Einkaufsmöglichkeiten, gute Anbindung mit öffentlichem Verkehr ans Stadtzentrum, an den Glattalraum und den Flughafen – in Schwamendingen lässt es sich gut leben und arbeiten.

Was ist momentan gerade los in Schwamendingen?
Es passiert gerade sehr viel. Wir haben mehrere Grossbaustellen, die das Gesicht von Schwamendingen stark verändern. Kürzlich erfolgte der Spatenstich für das Projekt Einhausung Schwamendingen, das die durch die Autobahn getrennten Quartierteile Schwamendingen-Mitte und Saatlen wieder zusammenwachsen lässt und mehr Wohn- und Lebensqualität bringt. Zudem werden im Schwamendinger Dreieck zwischen Winterhurer- und Dübendorferstrasse derzeit und in den kommenden Jahren die meisten Genossenschaftssiedlungen abgebrochen und neu verdichtet gebaut. Das bewegt die Bewohner im Quartier sehr.

Zu reden gibt auch der Abbau des Service public in Schwamendingen.
Die Schliessung respektive Verlegung der Poststelle, des Kreis­büros, der Stimmlokale und der ZVV-Verkaufsstelle gefällt den Bewohnern gar nicht, und nun wird auch noch der Polizeiposten im Quartier geschlossen – eine weitere deutliche Verschlechterung des Service-public-Angebots, die dem Quartierleben schadet und das Sicherheitsgefühl schwächt.

Ihr Engagement fürs Quartier deckt sich nicht immer mit den Positionen der SVP, Stichwort Service public versus Effizienz. Was gewichten Sie höher?
Da sprechen Sie einen wunden Punkt an. Ich engagiere mich fürs Quartier, habe als Gemeinderat aber gleichzeitig ein Mandat für die ganze Stadt. Manchmal bringt mich das in einen Zwiespalt zwischen Quartierinteressen und übergeordneten Interessen. Die Stadtzürcher SVP war gegen den Kredit für die Einhausung Schwamendingen, die SVP Kreis 12 hat sich dafür starkgemacht. Auch im kleinen Rahmen gibt es Differenzen. So habe ich zusammen mit einem Schwamendinger Parteikollegen ein Postulat zum Erhalt des ZVV-Schalters eingereicht, das parteiintern für Diskussionen sorgte. Hin und wieder fliegen die Fetzen in der Fraktion, wir sind uns oft überhaupt nicht einig und führen harte Debatten. Aber nach einer parteiinternen Abstimmung muss man schliesslich gegen aussen die Mehrheitsmeinung vertreten, auch wenn sie einem gegen den Strich geht.

Wo sehen Sie die grössten politischen Herausforderungen für Ihren Wahlkreis 12?
Die Gartenstadt wird regelrecht umgepflügt. Schwamendingen gehört zu den am schnellsten wachsenden Quartieren in der Stadt, die Bevölkerung soll um 40 Prozent wachsen, und damit wird sich auch ihre Zusammensetzung stark verändern. Die neu erbauten Genossenschaftssiedlungen ziehen eine urbane Avantgarde an. Das führt zu einer Gentrifizierung. Das Quartier wird immer linker, grüner und grünliberaler. Die SVP hat Mandate im Kantons- und Gemeinderat verloren. Die alteingesessene Schwamendinger Bevölkerung verliert an Stimmkraft und kann ihre Anliegen nicht mehr durchsetzen. Das spüren wir sehr stark.

Macht es Ihnen eigentlich Freude, in der Stadt Zürich für die SVP zu politisieren, wenn Sie ständig auf verlorenem Posten stehen?
Bis im letzten März hatte die bürgerliche Seite des Rats 63 Stimmen und die linke 62 Stimmen, also quasi eine Pattsituation. Das hat nach der letzten Wahl gekehrt, wir Bürgerlichen bringen nichts mehr durch. Es braucht unsere Positionen aber mehr denn je, und wir werden sie auch weiterhin einbringen. Manchmal geht man als Wahl- und Abstimmungsverlierer vom Platz, und gleichwohl hat man Themen gesetzt, über welche die Leute diskutieren. Gerade Zürcher Lokalpolitik ist oft auch schweizweite Politik, denn was in Zürich geschieht, hat schweizweit Auswirkungen, auch ideelle. Ich bin jedenfalls mit Überzeugung in der SVP.

Was hat das Feuer der Politik in Ihnen entfacht?
Vor rund 20 Jahren wurde ich angefragt, Einsitz in der Schulpflege zu nehmen, dafür müsse ich aber einer Partei beitreten. Für mich kam nur die SVP infrage. Die Freiheit, die Unabhängigkeit und die Selbstbestimmung der Schweiz sind für mich ein Herzensanliegen, und die SVP ist die einzige Partei, die diese Werte noch verteidigt. Alle anderen Parteien verkaufen die Unabhängigkeit der Schweiz für einen Marktzugang oder sonstige Erleichterungen und riskieren dafür, unser liberales Wirtschaftssystem zu zerstören und sich dem EU-Niveau nach unten anzugleichen.

In den acht Jahren, seit Sie im Gemeinderat sind, haben Sie unter den von Ihnen eingereichten Vorstössen erst ein eigenes Postulat als Erstunterzeichner eingereicht, in den Medien treten Sie kaum in Erscheinung. Mit welchen Mitteln verfolgen Sie Ihre Ziele?
Das stimmt, ich rücke mich nicht in den Vordergrund. Die eigentliche politische Arbeit findet jedoch in den Kommissionen und in der Fraktion statt, und dort bin ich sehr stark engagiert und habe einiges bewirkt. In der Fraktion besprechen wir die Ratsgeschäfte vor und versuchen, eine möglichst einhellige Position zu entwickeln und dann auch durchzusetzen. In den Kommissionen wird dann ausgeführt, was in der Fraktion besprochen wurde. Damit wird man zwar nicht berühmt, aber man kann etwas bewirken.

Mit welcher Persönlichkeit der Zürcher Geschichte würden Sie gerne bei einem Glas Wein diskutieren?
Mit dem Zürcher Stadtbaumeister Albert Heinrich Steiner, der das Quartier Schwamendingen nach der Eingemeindung wesentlich geprägt hat. Seinen Bebauungsplänen liegt das Gartenstadt-Modell zugrunde, dem wir heute noch einen sehr hohen Anteil an Grün- und Freiraum im Quartier verdanken. Da ich selber auch in der Immobilienbranche tätig bin, hätten wir viel miteinander zu besprechen. Ich würde ihn zum Beispiel fragen, was er als Stadtplaner von der massiven baulichen Verdichtung in Zürich hält, welche Folgen diese für die Gartenstadt Schwamendingen hat, die ja zu seiner Zeit gerade errichtet wurde, um verdichtetem Bauen zu entgehen, und wie es gleichwohl gelingen könnte, die Neu- und Ersatzneubauten so zu gestalten, dass die Vorzüge des Quartiers gewahrt bleiben.

Zur Person:

Heinz Schatt (65), verheiratet, Vater von drei erwachsenen Kindern und Grossvater von vier Enkeln, lebt seit 40 Jahren in Schwamendingen. Er engagierte sich im Quartierverein und in der Schulpflege. Seit 2011 sitzt er für die SVP im Zürcher Gemeinderat. Der diplomierte Bauingenieur ETH/MAS REM war bis zu seiner Pensionierung Leiter Immobilienabteilung der Neuapostolischen Kirche Schweiz. In seiner Freizeit treibt er gerne Sport, im Winter fährt er Snowboard, im Sommer joggt er durch die Wälder vor seiner Haustür und fährt gerne Velo.

Heute Mittwoch wird Heinz Schatt zur Feier seiner Wahl als Gemeinderatspräsident in Schwamendingen empfangen. Die Bevölkerung ist zum Apéro eingeladen von 18 bis 19 Uhr auf dem Schwamendingerplatz.

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