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Interview

SP-Gemeinderätin Helen Glaser engagiert sich auch für die Begegnungszone Hedwigstrasse. Bild: Christian Saggese

Höchstes Amt zum 55. Geburtstag

Von: Isabella Seemann

28. April 2020

GEMEINDERATSPRÄSIDIUM Heute tagt das Stadtzürcher Parlament erstmals wieder seit Anfang März. Es wird gleich in zweifacher Hinsicht eine besondere Sitzung. Zum einen, weil sie erstmals in der Messe Zürich stattfindet. Zum anderen, weil sie just die konstituierende Sitzung für das neue Amtsjahr ist. Voraussichtlich wird die SP-Gemeinderätin Helen Glaser zur höchsten Zürcherin gewählt und während eines Jahres auf dem «Bock», wie der Präsidiumssitz genannt wird, die Geschicke des Gemeinderats lenken. 

Die Vorbereitungen zu Ihrer Wahl zur Gemeinderatspräsidentin fällt in die Zeit von Corona. Wie geht es Ihnen?

Helen Glaser: Gesundheitlich geht es mir gut. Ich will aber nicht verhehlen, dass mich die Ungewissheit über die Schwere und Dauer der Corona-Krise und wie andere Menschen daran leiden, zeitweise belastet. Meine Arbeit für die Bundeskanzlei erledige ich von zu Hause aus, was mir leichtfällt, denn ich kenne das aus meiner Zeit als selbständige Übersetzerin. Das Pendeln nach Bern vermisse ich nicht, sehr wohl aber der persönliche und berufliche Austausch mit meinen Kolleginnen und Kollegen.

Der Regierungsrat hatte dem Zürcher Stadtrat vorübergehend die Kompetenzen übertragen, die dem Parlament zustehen. Waren Sie politisch quasi arbeitslos?

Keineswegs. Das Büro des Gemeinderats, wir sind dreizehn Personen, tagte in dieser Zeit wöchentlich per Video-Konferenz. Auf diese Weise blieben wir auch in engem Austausch mit dem Stadtrat. Darüber hinaus galt es zu analysieren, wie der Parlamentsbetrieb bei einem längeren Lockdown weiter funktionieren würde, denn das Präsidium, das Sekretariat des Rates und die Kommissionspräsidien und -vizepräsidien sind nur per Amtsjahr gewählt. Der Regierungsrat hat schliesslich entschieden, dass wir am 29. April die konstituierende Sitzung durchführen dürfen. Meine sonstige politische Tätigkeit hat sich jedoch deutlich reduziert, insbesondere fielen auch viele andere Termine weg.

Just heute an Ihrem 55. Geburtstag werden Sie voraussichtlich zur Gemeinderatspräsidentin gewählt – aber die grosse Feier fällt weg. Ein Wermutstropfen?

Wir werden das Fest nachholen. Kein Fest ist so wichtig, dass wir die Gesundheit der Ratsmitglieder aufs Spiel setzen. Am meisten bedauere ich, dass meine Amtseinsetzung in der Messe Zürich in Oerlikon stattfindet und nicht in unserem altehrwürdigen Ratshaus, das ich wegen seiner Geschichte und seiner Schönheit so sehr liebe; ich empfinde es stets als Ehre, darin tätig zu sein.

Überschattet der Lockdown Ihren Amtsantritt mit besonderen Herausforderungen?

Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Die grössten Herausforderungen musste zuvor Ratspräsident Heinz Schatt bewältigen; die letzten Wochen seiner Amtszeit fielen in die Corona-Krise und waren von vielen schwierigen Entscheidungen, die den Parlamentsbetrieb betreffen, geprägt. Aussergewöhnlich für die Gemeinderatssitzungen sind vorerst nur der Ort in der Messe Zürich und die neue Technologie, die eingeübt werden muss.

Der Ratsbetrieb fiel fast sechs Wochen aus. Wie ordnen Sie das für sich ein?

Gravierende Probleme haben sich nicht ergeben. Von den insgesamt rund sechs Wochen, in denen der Parlamentsbetrieb eingestellt war, fielen zwei Wochen in die Frühlingsferien, der Gemeinderat musste also nur vier Sitzungen ausfallen lassen. In dieser Zeit gab es keine dringenden Beschlüsse zu fällen. Die ständigen Kommissionen wie die Geschäftsprüfungs- und Rechnungsprüfungskommission sowie das Büro des Gemeinderates haben per Videokonferenz weiterhin getagt. Aber selbstredend kann das nur ein Notbetrieb sein für die Hauptaufgaben des Gemeinderats.

Welche Folgen haben die Verschiebungen von Geschäften für den bevorstehenden, unter Ihrem Präsidium stehenden Ratsbetrieb?

Der Gemeinderat wird über einige Weisungen des Stadtrats rasch entscheiden müssen. Dabei geht es um wichtige Themen für unsere Stadt wie Bauen und Verkehr. Die dringendsten Geschäfte werden wir gleich nach der Konstituierung des neuen Präsidiums und der Kommissionspräsidien am Abend abarbeiten, statt zu feiern. Um die Stadtverwaltung bei der Bewältigung der Corona-Krise zu unterstützen, wurden die Gemeinderatsmitglieder gebeten, ihre weniger dringenden Vorstösse auf später zu verschieben. Ausserdem habe ich bereits ein neues, fünfstündiges Sitzungsformat eingeplant, das es ermöglicht, die Vorstösse effizient und zeitnah abzuarbeiten. Es ist also nicht mit Staus zu rechnen.

Zwei SP-Frauen stehen nun an der Spitze der Stadt Zürich, Stadtpräsidentin Corine Mauch und Sie als Gemeinderatspräsidentin. Stehen Sie unter Druck?

Es ist mir eine grosse Ehre, zusammen mit Stadtpräsidentin Corine Mauch die beiden Gremien zu repräsentieren, und ich freue mich sehr darauf. Auch wenn nun zwei SP-Frauen an der Spitze der Stadt stehen, so bin ich als Gemeinderatspräsidentin doch dem gesamten Rat und der ganzen Bevölkerung verpflichtet. Und diese Aufgabe will ich auch fair und unparteiisch wahrnehmen.

Wie möchten Sie das Amt der Gemeinderatspräsidentin prägen?

Neben der Sicherstellung eines effizienten Ratsbetriebs ist mein Ziel, der Bevölkerung die Entscheide des Gemeinderats verständlich zu machen und aufzuzeigen, dass bei der Problemlösung verschiedene Parteien beteiligt sind. Ich stelle mit Bedauern fest, dass seit der neuen Sitzverteilung mit einer rot-grünen Mehrheit bei vielen der Eindruck entstanden ist, dass wir Linken nur noch durchmarschieren und sich bei den Rechten eine gewisse Resignation breitgemacht hat. Auch wenn mein Herz links schlägt, so habe ich doch eine altliberale Ader und möchte alle Seiten dazu einladen, wieder vermehrt das Gespräch miteinander zu suchen, damit Entscheidungen breit abgestützt werden können.

Was hat das Feuer der Politik in Ihnen entfacht?

Meine Eltern haben mich mit ihrer christlich-­sozialen und altliberalen Haltung geprägt. Ich bin ein sehr gerechtigkeitsliebender Mensch und kann ziemlich heftig reagieren, wenn jemand unfair behandelt wird. Als Christoph Blocher Bundesrat wurde, stellte ich fest, dass zu viel in die falsche Richtung läuft, hin zum Neoliberalismus, bei dem jeder nur für sein eigenes Wohlergehen sorgt. Um Gegensteuer zu geben, ging ich in die Politik. Ein weiterer Grund war, dass ich keine Kinder habe; anstelle möchte ich mit dafür sorgen, dass die Menschen in Zürich möglichst gute Lebensbedingungen haben. Der SP trat ich bei, weil sie am meisten meine Werte vertritt.

Welchem Flügel der SP stehen Sie am nächsten?

Aufgrund meiner altliberalen Prägung bin ich der Ansicht, dass es nicht für alles den Staat braucht, wenn das Problem auch mit Eigenverantwortung gelöst werden kann. Wenn das aber nicht funktioniert, wenn beispielsweise der Wettbewerb eben nicht nach fairen Regeln aufgestellt ist, wenn Schweizer KMU aufgrund von Dumpingpreisen aus dem Ausland nicht mehr mithalten können, dann braucht es regulierende Massnahmen. In solchen Fällen werde ich ideologischer.

Für das Fotoshooting haben Sie die Hedwigstrasse im Kreis 7 vorgeschlagen. Was verbindet Sie mit diesem Ort?

Hier im Quartier Hirslanden wohne ich seit 15 Jahren. Die Hedwigstrasse ist eine Begegnungszone, die mit Hilfe des Vereins «Pro Hedwigstrasse» 1984 eröffnet werden konnte. Heute bin ich Kassiererin des Vereins, der alljährlich ein Strassenfest durchführt. Als die Strasse saniert wurde, hat die Stadt das Projekt zwar mit uns besprochen, wollte es aber anders durchführen, als geplant. Das hätte die Sicherheit namentlich der Kinder hier massiv verschlechtert. Als Verein haben wir uns zusammen mit den Anwohnern gegen diese Verschlechterung gewehrt. Mit Erfolg!

Was beschäftigt die Bevölkerung in Ihrem Wahlkreis 7 und 8 am meisten?

Der Verkehr belastet viele Bewohnerinnen und Bewohner. Sobald eine Strasse verkehrsberuhigt wird, macht sich der Schleichverkehr in anderen Strassen bemerkbar. Hier wünsche ich mir, dass die Stadt genauer hinschaut und stärkere Massnahmen ergreift zum Schutz der Quartierbevölkerung. Wer von aussen mit dem Auto in die Stadt kommt, steht halt möglicherweise im Stau, es kann nicht angehen, dass die Quartierbevölkerung das ausbaden muss. In Witikon fehlt eine breite Gastronomie und ein Ladenangebot, was sich auf die Wohnqualität im Quartier auswirkt. Dort müssen die Bedingungen verbessert werden. Und im Seefeld, in Hottingen und in Hirslanden beschäftigen die Mietpreise und die damit einhergehende Veränderung in der Bevölkerungsstruktur die verbleibenden Bewohnerinnen und Bewohner stark.

Welche Entwicklungen in Zürich bereiten Ihnen Sorge?

Wenn Leute den öffentlichen Raum nicht respektieren. Zum einen macht sich das bemerkbar am Abfall, der überall herumliegt. Zum anderen an der Eventitis. Klar sind wir eine Stadt mit einem grossen kulturellen Angebot, zu der auch eine Stadt mit einem grossen kulturellen Angebot, zu der auch eine Streetparade und Partys gehören. Doch müssen es immer mehr und noch lautere Veranstaltungen sein?

Mit welcher Persönlichkeit der Zürcher Geschichte würden Sie gerne bei einem Glas Wein diskutieren?

Mit Katharina von Zimmern, der letzten Äbtissin des Fraumünsterklosters. Das Reformationsjubiläum und der Film «Zwingli» haben mein Interesse an ihrer Lebensgeschichte geweckt. Im November 1524 gab sie den Schlüssel ihres Klosters ab, für dessen Gedeihen sie sich jahrelang eingesetzt hatte. Sie wollte die Stadt Zürich vor Unruhe bewahren und dem Neuen nicht im Wege stehen. Diese starke und ehrenvolle Frau würde ich bei einem Glas Wein fragen, wie sie zu diesem Entschluss gekommen ist, was in ihr vorging und womit sie innerlich kämpfte. Auf dem Weg zur Bürositzung im Stadthaus gehe ich jeweils von der Bahnhofstrasse herkommend extra durch den Kreuzgang, wo ihr Denkmal steht.

Der traditionelle Apéro für die Quartierbevölkerung nach der Wahl findet zu einem späteren Zeitpunkt statt.

Gut zu wissen

Heute, an ihrem 55. Geburtstag, startet Helen Glaser ihr Jahr als höchste Zürcherin. Sie politisiert seit 10 Jahren im Gemeinderat für die SP Kreis 7 + 8. Geboren ist sie in Zollikerberg, aufgewachsen in Zumikon. Nach ihrer Ausbildung an der Dolmetscherschule Zürich DOZ als Übersetzerin für Französisch, Italienisch und Englisch machte sie sich mit ihrem eigenen Übersetzungsbüro selbständig. Heute ist sie als Gesetzesredaktorin und Übersetzerin für die Zentralen Sprachdienste der Bundeskanzlei in Bern tätig. Helen Glaser lebt in fester Partnerschaft und ist seit mehr als 15 Jahren im Quartier Hirslanden zu Hause.

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