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Interview

Doris Fiala, die neue Präsidentin der FDP-Frauen Schweiz: «Die Wirtschaft muss Frauen zwingend mehr motivieren.» Bilder: Nicolas Y. Aebi

"Ich bin keine Feministin"

Von: Jan Strobel

04. April 2017

Doris Fiala: Am Samstag wurde die Zürcher Nationalrätin Doris Fiala zur neuen Präsidentin der FDP-Frauen Schweiz gewählt. Sie tritt damit die Nachfolge von Regierungsrätin Carmen Walker-Späh an. Die 60-jährige Vollblutpolitikerin fordert mehr Solidarität unter den Frauen und will eine Art Pakt mit der Wirtschaft eingehen, damit weibliche Arbeitskräfte ihre Karriere verwirklichen können.

Sie wurden an der Generalversammlung der FDP-Frauen Schweiz ohne eine einzige Gegenstimme zur Präsidentin gewählt. Hat Sie dieses Resultat überrascht?
Doris Fiala: Natürlich kam das auch für mich eher überraschend. Ich will ja nicht bloss applaudiert, sondern gewählt werden, das habe ich bereits im Vorfeld der Wahl deutlich gemacht. Aber die FDP-Frauen haben offenbar gemerkt, dass ich mich sehr beherzt und engagiert für ihre Anliegen einsetzen werde. Diesen Weg beschreite ich dabei weniger feministisch kämpferisch als vielmehr im Geist unserer liberalen Werte.

Was ist Ihre liberale Kernbotschaft an die Frauen?
Unser Ziel muss es sein, dass wir für Frauen Rahmenbedingungen schaffen, die eine freie Wahlmöglichkeit in der Lebens- und Berufsgestaltung zulassen. Dazu müssen wir insbesondere mit der Wirtschaft eine Art Pakt schliessen. Was kann weiter getan werden, damit Frauen nicht aus dem Berufsleben und der Karriereplanung fallen, sobald sie eine Familie gründen? Was können Unternehmen tun, damit der Wiedereinstieg dieser Frauen besser funktioniert? Wie viel Arbeit im Homeoffice ist möglich? Ich denke besonders auch an die vielen Akademikerinnen, die nicht mehr in ihrem Beruf oder in ihrer Ausbildung tätig sind. Was mir besonders wichtig ist: Wir Frauen sollten endlich damit aufhören, uns gegenseitig auszuspielen, Junge gegen Alte, Ledige gegen Verheiratete, Mütter gegen Kinderlose. Wir müssen jetzt die Gunst der Stunde nutzen.

Was meinen Sie damit?

Die Masseneinwanderungsinitiative hat gezeigt, dass die Schweizerinnen und Schweizer die Zuwanderung begrenzen wollen. Für die Wirtschaft heisst das: Einheimische Frauen müssen zwingend mehr motiviert und befähigt werden. Nun können wir der männlichen Managementwelt sagen: Kollegen, jetzt braucht ihr uns, und wir sind gewillt, mitzuziehen. Dazu kommt das demografische Problem; die Babyboomer kommen in die Jahre. Wir haben zu wenige Fachkräfte.

Sie sprachen vorher von mangelnder Frauensolidarität; erfährt die gerade nicht eine Art Renaissance? Weltweit gingen Hunderttausende von Frauen am Women’s March auf die Strassen, in Zürich kam es am 8. März zu einer grossen Frauendemo.
Die Demo in den USA war vorwiegend ein Protest gegen Trump. Bei uns hatte sie einen anderen Hintergrund. Die Juso-Aktion mit der Büstenhalterverbrennung empfand ich als altbacken, in den 1970er-Jahren stecken geblieben. – und auch geschichtsvergessen. Wir sind doch schon lange darüber hinweg. Die Pussyhat-Strick­aktion, von Amerika abgekupfert, hatte hier nicht die gleiche Bedeutung. Muss ich jetzt aus Frauensolidarität die Stricknadeln zur Hand nehmen? Mit einem Augenzwinkern sage ich: Nach der Handsgi in der Sek war ich so froh, dass ich nicht mehr gezwungen war, zu stricken. Und: Penis-Schöggeli verteilen vor dem Bundeshaus? Mal ehrlich: Mit solchen Aktionen verlieren wir den Respekt, den wir Frauen doch einfordern wollen. Das kann nicht der Weg sein, um für Gleichstellung zu kämpfen. 

Haben Sie kämpferischen Feministinnen nicht auch Ihre eigene politische Karriere zu verdanken?
Absolut. Auch wenn ich keine Feministin bin: Wenn es in der Schweiz und weltweit nicht diese Kämpferinnen gegeben hätte, dann wäre ich heute definitiv nicht das, was ich bin. Dafür zolle ich den mutigen Frauenrechtlerinnen viel Respekt. Ich bin ihnen sehr dankbar. Wenn ich meine Laufbahn betrachte, dann war aber immer auch das soziale Netz, das mich stets getragen und aufgefangen hat, von unschätzbarem Wert. Ich denke besonders an meinen Mann, meine Familie, meine Freunde und die vielen Verbündeten in der Partei und in der Wirtschaft. Offen gestanden: Für meine Laufbahn brauchte ich keine Frauenquote.

Haben Sie eine liberale Frau, die Ihnen in den politischen Anfängen als Vorbild diente?
Ich funktioniere nicht unbedingt nach Vorbildern. Wenn ich Ihnen sagen muss, wer für mich die grössten und stärksten Frauen dieses Landes sind, dann sind es zum Beispiel die, die in den Pflegeheimen und in den Spitälern arbeiten. Dann denke ich auch an die Frauen, die in der Entwicklungszusammenarbeit jahrelang und ungenannt andere Frauen in Not betreuen. Das sind für mich die wahren Heldinnen im Alltag.

Wenn wir den Frauenanteil in der FDP zum Beispiel im Nationalrat betrachten, hat Ihre Partei noch einen ziemlichen Nachholbedarf. Wie sieht es eigentlich beim liberalen Nachwuchs aus?

Ich möchte da besonders meine Mentee Ollin Söllner erwähnen, die Präsidentin der Frauensektion der Jungfreisinnigen Kanton Zürich, eine kämpferische, junge Frau, die mich unglaublich beeindruckt. Als sie die Frauensektion gründete, fragte ich sie: Braucht ihr in eurer Generation wirklich noch eine geschützte Werkstatt? Ihre Antwort zeigte mir, wie nötig das Engagement immer noch ist. Leider gibt es in den Reihen der Jungfreisinnigen Männer, welche ihre Parteikolleginnen teilweise rhetorisch etwas überfahren, sodass sich viele Frauen ohne eigene Sektion offenbar nicht genügend einzubringen getrauen. Ich unterstütze junge Frauen wie Ollin Söllner, wo ich nur kann. Sie spiegeln mich und geben mir als junge Frauen wichtige Feedbacks. Das gilt übrigens auch für meine Tochter Noémie. Sie ist meine Beraterin und begleitet meine Auftritte und kritisiert bisweilen auch richtig hart, aber konstruktiv.

Die Krönung ihrer politischen Laufbahn wäre sicherlich die Wahl zur Zürcher Stadträtin 2018. Wie sieht diesbezüglich der Plan aus?
Meine Partei handelt jetzt mit den anderen bürgerlichen Parteien Strategien aus. Man weiss noch nicht, ob es überhaupt eine Frau sein soll oder nicht, ob eine nationale Figur für das Amt infrage kommt oder nicht. Ich kann mich deshalb dazu heute nicht verbindlich äussern. Das Amt einer Zürcher Stadträtin ist für mich jedoch das schönste Exekutivamt in der Schweiz. Nachdem ich neun Jahre im Europarat in der internationalen Politik tätig gewesen bin, fände ich es schön, mich wieder vermehrt für meine Heimatstadt einzusetzen und die Prioritäten national zu setzen. Und schliesslich: Der Zürcher Stadtrat könnte durchaus ein paar Bürgerliche mehr in seinen Reihen vertragen.

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