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Interview

Abschied nehmen fällt leichter, je besser man die Vorstellungen des anderen kennt, sagt Susi Lüssi. Bild: SWE

«Kein leichter Gang»

Von: Stine Wetzel

02. Mai 2018

Nach 31 Jahren Altersarbeit für die Stadt Zürich wird Susi Lüssi, Leiterin des städtischen Alterszentrums Klus Park, pensioniert. Die 65-Jährige spricht im Interview über die Schwierigkeit des Älterwerdens, verstaubte Altersbilder und Abschiede.

Wie geht es den Senioren in Zürich?

Susi Lüssi: Wunderbar. Die Stadt ist ein toller Sozialleistungsanbieter. Ich empfehle, im Alter bloss nicht aus der Stadt Zürich rauszuziehen. In den Gemeinden ausserhalb ist die Grosszügigkeit noch nicht so vorhanden.

Wie kamen Sie zur Altersarbeit?

Das hat sich so ergeben. Nach meinem Theologiestudium wollte ich eigentlich in eine Gemeinde. Das war aber damals nicht im Jobsharing möglich. Dann stiess ich auf ein Inserat für die Leitung eines Kleinaltersheims der Stadt. Ich fand es spannend, ein Haus mit 22 Bewohnenden zu führen und gleichzeitig meine theologische Ausbildung einzubringen, indem ich die religiösen Feste im Haus selbst gestalte.

Was hat sich in den über 30 Jahren massgeblich in der Altersarbeit verändert?

So einiges! Damals gab es kaum Gerontologie-Lehrgänge in der Schweiz. Die Professionalisierung hat erst in den 90er-Jahren eingesetzt. Verändert hat sich auch, dass alte Menschen plötzlich als eigene Konsumentengruppe entdeckt wurden, sei es für Reiseunternehmen oder Anti-Aging-Produkte. Das Alter ist alles in allem konformer geworden als noch vor 30 Jahren. Aber Alterszentren selbst sind immer noch nicht akzeptiert; man will daheim bleiben, solange es geht. Daneben haben sich die Altersbilder verändert. Früher galten Hochzeit und Kinderkriegen als Zenit des Lebens, danach ging es einfach bergab. Das ist heute zum Glück anders.

Alter bedeutet aber nach wie vor das Schwinden von Jugend, gerade in einer körperbewussten Gesellschaft. Im Gegensatz dazu hat sich das positive Bild vom aktiven Altern durchgesetzt. Ergibt sich daraus nicht auch ein Zwang zum Aktivsein?

Als Frau Lieberherr, die erste Stadträtin Zürichs (1969 bis 1993, Anm. d. Red.), das Aktivitätsmodell aufgenommen hat, haben viele gesagt: «Muss das denn sein, dass man nach der Pensionierung auch noch aktiv sein muss?» Muss man natürlich nicht, aber wichtig ist, dass Alter in der Gesellschaft nicht per se krank und arm bedeutet. Früher oder später wird das Alter aber defizitär. Das stimmt natürlich. Es heisst nicht umsonst: «Altwerden ist nichts für Weicheier.» Es ist nicht einfach, wenn sich körperliche ­Defizite einstellen. Wichtig scheint mir aber der Gedanke, dass man nach der Pensionierung nicht plötzlich einfach nur alt ist. Erst kommt das aktive Alter, dann das fragile Alter und dann das hohe Alter.

Was waren die Herausforderungen, als Sie im Klus Park vor elf Jahren anfingen?

Was immer auf und ab geht, ist die Belegschaft. Wir haben einen guten Stellenplan, 45 Stellen auf 85 Mitarbeitende verteilt. Die Mitarbeitenden sind eine grosse Herausforderung. Ich beobachte hier einen Generationenwechsel: Zur Arbeit kommen, auch wenn man ein bisschen Kopfweh hat – das macht man heute nicht mehr so.

Wie viel bekamen Sie als Leiterin von den Bewohnern mit?

Es war mir immer wichtig, einen Draht zu den Bewohnern und den Angehörigen zu haben. Nachdem ich zwei Kleinaltersheime geführt hatte, war ich lange in der Geschäftsleitung der Alterszentren der Stadt: 24 Häuser mit 2000 Plätzen. Nach zwölf Jahren strategischer Ebene wollte ich unbedingt wieder in den operativen Bereich, weil mir die älteren Menschen gefehlt haben.

Was waren Ihre persönlichen Meilensteine im Alterszentrum?

Die Lebens- und Sterbebegleitungsgruppe, die ich ins Leben gerufen habe, die Ausstellungen, die wichtig für die Öffnung nach aussen sind, die Kinder- und Weihnachtsevents, die ökumenischen Gottesdienste, die Feste wie das Rosenfest im Juni und die 1.-August-Feier in der Zusammenarbeit mit den Quartiervereinen. Für dieses Jahr konnten wir Charles Lewinsky als Redner gewinnen. So etwas ist toll.

Die Idee vom Alterszentrum ist das gemeinsame Älterwerden. Wären altersdurchmischte Wohnformen aus Ihrer Sicht wünschenswert?

Hier wohnen zwischen 75- und 100-Jährige – durchmischter muss es im Bereich Wohnen nicht sein. Das Schöne am Klus Park mit seinen Bänken, dem Spielplatz und der Kneipp-Anlage ist, dass sowieso tagsüber die verschiedenen ­Generationen aufeinandertreffen: Den Park besuchen vom Knirps bis zum Greis alle. Ausserdem ist unser Restaurant öffentlich, Berufsleute nutzen unsere Kursräume, und die Kapelle wird rege von Musikern gemietet. Wir sind hier also nicht abgeschottet.

Im Alterszentrum sind Abschiede an der Tagesordnung. Wie gehen Sie mit dem Sterben um?

Mir ist es absolut wichtig, zu wissen, was der Bewohnende, der gehen muss, mag. Je besser man die Person kennt, desto besser kann man die letzten Rituale begehen und Abschied nehmen.

Was bedeutet es für Sie, älter zu werden?

Als ich das Gerontologiestudium gemacht hatte, hatten die Theorien nicht viel mit mir zu tun. Jetzt, wo ich mich mit dem eigenen Älterwerden auseinander­setzen muss, kann ich von der Theorie zehren. Mir geht es gesundheitlich auch nicht mehr so wie mit 45. Die Defizite muss ich akzeptieren. Das ist kein leichter Gang.

Wie sehen Sie der Pensionierung entgegen?

Ich will den Abschnitt des aktiven Arbeitslebens sauber abschliessen. Feste haben sich für mich als funktionierende Übergangsrituale bewährt – ich habe ein Fest für die Bewohnenden gegeben und ein grosses Fest für alle. Jetzt muss ich mich erst einmal büscheln. Ende Mai gehe ich in die Ferien, und im September und Oktober werde ich in Griechenland sein. Abgesehen davon habe ich aber nicht viel geplant und Anfragen für Ämtli zurückgestellt, ausser das Co-Präsidium für den Quartierverein. Das mache ich bewusst. Ich will mir Raum geben, gucken, was aufbricht, und mir überlegen, wie ich meinen Alltag neu gestalte. Jetzt heisst es Selbstmanagement, wenn die Bürozeiten wegfallen (lacht).

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