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Interview

Zoodirektor Severin Dressen in der Pantanal-Anlage, die bald in eine Riesenvoliere umgewandelt wird. Bild: Sacha Beuth

Mehr Qualität für Mensch und Tier

Von: Sacha Beuth

27. Oktober 2020

Seine ersten 100 Tage als Direktor des Zoo Zürich standen für Severin Dressen unter keinem guten Stern. Trotzdem fühlt sich der 32-jährige Deutsche in Zürich wohl und will mit Innovation und wohldosiertem Risiko den Tiergarten auf dem Zürichberg in der Rangliste der Zoos der Welt noch weiter nach oben bringen.

Corona, eine von einem Tiger getötete Pflegerin, ein totgetretenes Neugeborenes bei den Elefanten, ein toter Schneeleopard – in Ihren ersten 100 Tagen als Zoodirektor mussten Sie viel Negatives erleben. Wie gehen Sie damit um?

Severin Dressen: Die aufgeführten Ereignisse sind zwar alle unerfreulich und gar schrecklich, stehen aber nicht in Zusammenhang, weshalb man sie differenziert betrachten muss. Der verstorbene Schneeleopard war ein betagtes Tier, das wir aufgrund seiner Altersbeschwerden einschläfern mussten. Das gehört – leider – zum Zooleben dazu. Auch dass bei einer Elefantengeburt innerhalb der Herde etwas schiefgehen kann, ist uns bewusst. Unter Corona haben wir alle zu leiden. Dass die Stabsübergabe ausgerechnet in die Lockdownphase fiel, hätte aber nicht unbedingt sein müssen. Andererseits hatte ich so Zeit, mir den ganzen Betrieb bis ins letzte Kellerabteil in Ruhe anzusehen. Das wirkliche Horrorerlebnis bei meinem Start war der tödliche Unfall einer Pflegerin mit einem Tiger. Das hat nicht nur mich persönlich, sondern den ganzen Betrieb stark getroffen. Der Vorfall ist uns immer noch sehr präsent.

Gerade die Vorfälle mit dem Tiger und mit dem Elefanten lösten in der Öffentlichkeit teils heftige Reaktionen aus.

Elefanten sind Tiere, die bei vielen Besuchern einen hohen, emotionalen Stellenwert besitzen. Trotzdem wollen wir unser Konzept des geschützten Kontakts und damit eines natürlicheren Herdenverhaltens ohne Tierpfleger als Alphatier beibehalten. Dies auch zum Schutz unserer Elefantenpfleger, die zuvor beim direkten Kontakt im alten Elefantenhaus einem grösseren Unfallrisiko ausgesetzt waren. Zum Vorfall mit dem Tiger ist zu sagen, dass dies sehr tragisch war, aber natürlich bei der Arbeit mit gefährlichen Tieren immer ein Restrisiko bleibt. Dass dann Tierrechtler diesen Unfall mit dem Tiger instrumentalisierten, damit mussten wir rechnen, auch wenn ich es absolut pietätlos finde. Mehr erstaunt haben mich die Bitten aus der Bevölkerung, den Tiger nicht zu töten. Dabei stand das bei uns gar nie zur Diskussion. Das hätte gar keinen Sinn gemacht.

Glücklicherweise gab es zu Ihrem Start auch ein paar positive Ereignisse. Zum Beispiel der schweizweit erstmalige Nachwuchs bei den Koalas. Welche Bedeutung hat dieser Zuchterfolg?

Er stärkt einerseits das Image des Zoo Zürich und ist andererseits für die Erhaltung der Art wichtig. Angesichts der Tatsache, dass das Muttertier das gleiche Virus in sich trägt wie unsere daran verstorbenen Männchen, ist meine Freude über den Zuchterfolg noch etwas verhalten. Noch ist das Koalababy nicht über dem Berg. Ich durfte aber auch schon das erste Jungtier bei den Säbelantilopen erleben und gefreut hat mich zudem, dass wir trotz Corona relativ gute Besucherzahlen aufweisen können. Hoffentlich bleibt das so.

Seit Januar wohnen Sie und Ihre Familie nun in Zürich. Was halten Sie von Ihrem neuen Zuhause?

Ich bin absolut angetan von der Stadt und den Leuten. Und meine Frau ebenso. Wir hatten die Wohnung erst vor wenigen Wochen bezogen und uns kaum eingelebt, da meinte sie bereits: «Hier ziehen wir nie wieder weg». Generell finde ich die Menschen hier sehr offen und die Sprache verstehe ich inzwischen sehr gut – wobei mir von verschiedener Seite geraten wird, ja nicht selbst «Schwiizerdüütsch» sprechen zu wollen. Nebst dem tollen ÖV-Angebot schätze ich in Zürich vor allem die Qualität der Lebensmittel und ganz allgemein die hohe Lebensqualität. Vermissen tue ich einzig die Feierabend-Pubkultur, die ich während meiner Zeit in England kennenlernen durfte. Und als Rheinländer natürlich den Karneval.

Ihr Vorgänger Alex Rübel war gesellschaftlich hervorragend vernetzt, angefangen von den Pfadfindern bis hin zu den Grössen von Politik und Wirtschaft. Konnten Sie schon in diese Kreise eingeführt werden?

Wegen Corona nur ein bisschen. Dabei wurde ich nicht nur persönlich gut aufgenommen, sondern konnte auch spüren, wie sehr der Zoo Zürich in der hiesigen Gesellschaft verwurzelt ist. Das ist in Wuppertal nicht oder nicht mehr so. Da hat man wegen der angespannten finanziellen Lage von Gemeinde und Unternehmen ganz andere Sorgen.

Bei Ihrem Dienstantritt erwähnten Sie mehrere Punkte, die Sie als Direktor des Zoo Zürich angehen wollen. Einer davon war die Erhöhung der Qualität für Zoogäste. Was genau ist darunter zu verstehen?

Wir müssen dafür sorgen, dass der Zoobesuch für die Leute zu einem rundum positiven Erlebnis wird. – nur so nehmen sie auch unsere Botschaften auf. Grundsätzlich sind wir diesbezüglich zwar schon auf einem hohen Niveau. Aber es gilt, hier konsequent dran zu bleiben; auch, weil sich die Ansprüche der Gäste wandeln. So ist es für ein ganzheitliches Besuchererlebnis zum Beispiel wichtig, dass idealerweise jeder Gast unsere Informationen in seiner eigenen Sprache zur Verfügung hat. Oder, dass das ganze «Drumherum» des Zoobesuchs stimmt: stressfreie Anreise (Stichwort Verkehrssituation), schneller Eintritt in den Zoo, entspannte Atmosphäre auch bei hohem Besucheraufkommen, saubere Sanitäreinrichtungen, zuvorkommendes Personal bei allen Kundenkontakten.

Auch das Edukationsangebot soll optimiert werden. Werden die Zoobesucher im Alltag nicht ohnehin schon genug belehrt? Dürfen sie nicht einfach nur Tiere gucken und entspannen, ohne dass man ihnen ständig die Abholzung des Regenwaldes aufs Auge drückt?

Das dürfen und das sollen sie. Optimieren bedeutet hier, dass wir unsere Bildungsangebote etwa so gestalten, dass sie nicht belehrend wirken, sondern Interesse wecken. Und dass sie für jede Person möglichst einfach empfänglich sind, egal, wie alt jemand ist und welche Sprache er oder sie spricht.

Die Verbesserung der Tierhaltung steht ebenfalls auf dem Programm. In dieser Hinsicht gilt der Zoo Zürich eigentlich als vorbildlich. Welche Schwachstellen müssen denn beseitigt werden?

Eigentliche Schwachstellen gibt es nicht. Aber die Tierhaltung kann man immer optimieren und neuen Erkenntnissen anpassen. Auch hier kann uns die digitale Technik helfen, mehr über die Bedürfnisse der Tiere zu erfahren – nicht nur bei uns im Zoo, sondern generell. Unsere Tierhaltung soll so gut sein, dass sie das nicht-invasive Erforschen der Tiere und ihrer Biologie ermöglicht, mit Resultaten, die auch ausserhalb eines Zoos gültig sind.

Nachdem der Masterplan 2020 Ihres Vorgängers grösstenteils umgesetzt wurde, haben Sie nun die Aufgabe, den darauf folgenden Entwicklungsplan 2050 anzugehen. Das erste Projekt daraus – und das erste unter Ihrer Regie – wird die Übernetzung der bereits bestehenden Pantanal-Anlage sein. Wie ist dort der Stand der Dinge?

Wir sind noch in der Vorstudie. Bislang ist nur festgelegt, dass das Thema Sumpf, welches ja dem echten Pantanal in Südamerika entspricht, gestalterisch noch mehr herausgearbeitet werden soll. Zudem möchten wir den aktuellen Tierbestand nicht nur mit weiteren Vögeln und Krallenaffen, sondern auch mit Riesenottern aufstocken. Das wird eine Herausforderung, denn Letztere sind zwar in erster Linie Fischfresser, könnten aber auch Interesse an den mit auf der Anlage lebenden Vögeln haben. Eine solche Vergesellschaftung muss deshalb sorgfältig umgesetzt werden.

Im Anschluss an die Übernetzung ist der Bau der Kongo-Anlage oberhalb der Lewa-Savanne geplant. Wann kann mit deren Bau begonnen werden und welche Tiere werden dort neben den Gorillas auch noch einziehen?

Für den Baubeginn gibt es noch kein Datum. Auch eine Kostenschätzung liegt noch nicht vor. Ich hoffe aber, dass wir die Anlage noch dieses Jahrzehnt umsetzen können. Bezüglich Tierbestand sind bislang einzig die Gorillas und wohl auch Zwergflusspferde gesetzt. Als weitere Arten sind Tieraffen wie Meerkatzen und Stummelaffen, diverse Vögel und Schildkröten denkbar. Klar ist schon jetzt, dass wir wieder eine Lebensgemeinschaft anstreben, also dass sich verschiedene Arten aus dem gleichen Lebensraum – hier dem äquatorialen afrikanischen Regenwald – eine Anlage teilen.

In fast allen internationalen Rankings hat der Zoo Zürich eine Spitzenposition inne. Was werden Sie tun, damit er diese beibehält oder gar noch ausbaut?

Hier ist es wichtig, die Entwicklungen in der Zoowelt nicht nur zeitig zu erkennen, sondern sie am besten vorwegzunehmen. Sprich: Mit Innovationen den Weg bestimmen und nicht nur alles kopieren. Das bedeutet aber auch, mal ein Risiko eingehen zu können – solange es den Zoobetrieb als solchen nicht gefährdet. Wie es der Zoo zum Beispiel mit dem Masoala-Regenwald gemacht hat. Und wie wir es nun mit der Pantanalvoliere und der Kongo-Anlage wagen.

 

Kurzbiografie zur Person

Severin Dressen kam am 30. Mai 1988 in Köln zur Welt, wuchs aber in Aachen auf. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt mit seiner Familie seit Januar 2020 in Zürich. Nach einem Biologiestudium an der Humboldtuniversität in Berlin und dem Imperial College in London promovierte er 2015 in Zoologie an der Universität Oxford. Bereits während seines Studiums sammelte er praktische Erfahrung als Tierpfleger und Kuratorassistent in verschiedenen Zoos in Deutschland und Spanien und war u. a. in Argentinien im Naturschutz tätig. Ab 2015 war er im Zoo Wuppertal als Kurator für Primaten und Nichtsäuger und ab 2017 auch als stellvertretender Direktor tätig. Seit dem 1. Juli ist Dressen Direktor des Zoo Zürich.

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