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Interview

Monika Stocker (65) unterhält sich in ihrem neuen Buch «Nun muss ich Sie doch ansprechen» mit Zürcher Stadtgrössen (Theologischen Verlag Zürich, 25 Franken). Bild: Cla

Monika Stocker und ihr Stadtengel

Von: Clarissa Rohrbach

20. Mai 2014

Monika Stocker führt in ihrem neuen Buch lyrische Gespräche mit wichtigen Zürcher Figuren. Dabei stellt sie sich die Frage, was Zwingli, Pestalozzi oder Gottfried Keller wohl über das heutige Zürich denken würden. Und ab und zu spricht die Alt-Stadträtin auch noch mit einem Stadtengel. Die ehemalige Grüne Politikerin hat immer noch eine starke Vision für eine sozialere Stadt und zeigt dabei Humor.

Tagblatt der Stadt Zürich: Frau Stocker, welcher der Herren, die Sie im Buch ansprechen, würde sich am meisten über das heutige Zürich aufregen?

Monika Stocker: Zwingli, ganz klar. Er war ein strenger Sittenherr und würde über das lockere Gehabe der Zürcher den Kopf schütteln. Von den vielen Partys ganz zu schweigen. Alfred Eschers Statue hingegen steht vor dem Hauptbahnhof genau am richtigen Ort: Wäre er aus Fleisch und Blut, würde er sich über die Durchmesserlinie sehr freuen. Er sah die Schweiz als Transitland und Zürich als Verkehrsknotenpunkt.

Sie spielen mit dem Gedanken, dass die Stadtheiligen Felix und Regula, die in Zürich Zuflucht suchten, eigentlich unwillkommene Asylsuchende waren, ein Seitenhieb auf die aktuelle Migrationspolitik. Kämpfen Sie immer noch für eine gerechtere Welt?

Das Buch ist keine Kampfrede, aber ja, ich habe immer noch eine Vision für Zürich. In den Texten beschreibe ich die kleinen Episoden, die unser Stadtleben menschlich machen. Ich bin nun mal eine Alt-68erin und immer noch der Meinung, dass wir zusammen eine bessere Welt schaffen können. Obwohl es immer schwieriger wird. Der Egoismus ist stark, diejenigen, die viel besitzen, sind gnadenlos.

Die freie Marktwirtschaft sei heutzutage der einzige Heilige, an den die Menschen noch glauben, schreiben Sie. Und auf dem Paradeplatz sollte ein Denkmal für die unbekannte Hausfrau und Mutter ­stehen. Was meinen Sie damit?

Ohne die Arbeit der Hausfrauen, der Mütter und der Pflegerinnen wären auch die Herren bei den Grossbanken verwahrlost. Hinter jedem CEO steckt eine Frau, die seine Hemden bügelt und ihm Tee kocht, wenn er Bauchschmerzen hat. Ich habe mich 40 Jahre lang gegen die Ungleichheit zwischen Mann und Frau eingesetzt. Heute haben wir viel erreicht, aber Windeln wechseln, Putzen und ­Kochen sind immer noch Tätigkeiten, deren Wert geringer eingeschätzt wird als zum Beispiel, eine Strasse zu bauen. Dabei bilden Menschen, die Care-Arbeit leisten, die Basis der Gesellschaft, ohne Fürsorge geht gar nichts. Ein Kind, für das niemand sorgt, stirbt. Fürsorge für die Schwächeren wird oft lächerlich gemacht, dabei ist es nur human.

Ein Stadtengel sorgt sich in Ihren Stadtmeditationen um Zürich. Genügen die Menschen nicht?

Ich stelle mir gerne vor, dass es eine grössere Macht gibt, die in dieser Form ihre Zuwendung zu unserer Stadt zeigt. Als ich im Amt war, wünschte ich mir manchmal, dass jemand Höheres die Verantwortung übernimmt, weil ich dachte, ich könne nicht mehr. Und oft spürte ich auch, dass es so ist.

Sahen Sie sich als Vorsteherin des Sozialdepartements damals als Stadtengel?

Das nicht. Aber ich hatte die Verantwortung, dass die Menschen, denen es in dieser Stadt schlecht geht, ein einigermassen gutes Leben haben. Die Lösung der ­Drogenproblematik hat mir viel zu schaffen gemacht. Auch die Kriege in Jugoslawien während der 90er-Jahre waren eine Herausforderung. An gewissen Tagen mussten wir 30 Flüchtlinge bis zum Abend platziert haben. Da gab es Momente, in denen ich dachte: «Ich schaff das nicht.»

Sie sind bekanntlich eine emotionale ­P­erson. In einer Debatte im Nationalrat über Südafrika während der 80er-Jahre ­brachen Sie in Tränen aus.

Der Mensch ist nicht nur rational, er soll sich nicht schämen, wenn er Gefühle zeigt. Ich zeigte Wut oder Betroffenheit immer, einige schätzten es, andere fürchteten es. Frauen gehen mit Macht anders um, deswegen wirken sie vielleicht für die Pokerface-Politik «schräg». Ich finde Anteil nehmen wichtig, man könnte ruhig mehr weinen im Leben. Man kann Sozialpolitik betreiben und nur ans Geld denken, aber als Sozialarbeiterin weiss ich, dass man bedürftigen Menschen auch Mut geben muss.

Ihre Gegner warfen Ihnen vor, Sie hätten geradezu einen Fetisch für Schwache.

Es stimmt nicht, dass ich als Person die schwierigen Fälle anziehe. Randständige gibt es nun mal, Menschen können nicht immer funktionieren. Jeder kann nach einer Scheidung oder einer Kündigung in eine ernsthafte Krise geraten. Das wollen viele nicht akzeptieren, weil es ihnen Angst macht. Das Leben bekommt einen anderen Wert, wenn man offen ist und zugibt: Es ist nicht immer alles «easy». Neu bin ich Präsidentin der Unabhängigen Beschwerdestelle gegen Gewalt im Alter. Dass ältere Menschen vernachlässigt oder gar geschlagen werden, will man nicht wahrhaben. Aber wir können die Not der Alten nicht abschaffen, alle haben das Recht, in Würde zu leben.

Der Whistleblowerinnen-Skandal, dessentwegen Sie 2008 zurücktraten, nahm Sie sehr mit. Wie gehts heute?

Dass ich mit 60 zurücktrete, habe ich schon vor den Wahlen 2006 entschieden. Aber ich bin wegen der Kampagne, die gegen mich geführt wurde, nicht verbittert. Im Gegenteil: Im Fokus der «Weltwoche» zu stehen, ist ja inzwischen schon fast eine Auszeichnung. Mit der Zeit relativiert sich vieles, das ist auch eine Aussage meines Buches. Auch diese wichtigen historischen Figuren, die in meinem Buch vorkommen, waren nur Menschen, Legendenbildung ist immer gefährlich. In der Politik nimmt man sich manchmal allzu wichtig.

Die Medien warfen Ihnen vor, stur zu sein. Die Sprache Ihres Buches ist hingegen sehr leicht und witzig. Sind Sie heute entspannter?

«Stur» kann auch heissen: «konsequent». Ich besass immer schon ­Humor. Es ist wichtig, über sich selbst ­lachen zu können. Denn es kommt ­sowieso alles anders, als man denkt.

Schon während Ihrer 14-jährigen Amtszeit haben Sie Gedichte verfasst. Was bedeutet Schreiben für Sie?

In der Exekutive musste ich viel reden. Beim Schreiben konnte ich still sein, ans Wesentliche denken und zu mir selbst zurückfinden. Es hat mich gestärkt. Ich rate allen Frauen in Führungspositionen, sich ab und zu zurückzunehmen, um bei sich selber bleiben zu können.

Welche Figur im Buch ist Ihnen am liebsten?

Der Engel, welcher in der Bahnhofshalle hängt und die gestressten Reisenden beschützt. Er ist sehr Frau.

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Leserkommentare

ss FREI - hochhalten der alten bruderschaften. seit zopfi&wyler gibt's auch in der schweiz die verbrüderung ..wo andere über 20jahre gefängnis erhlielten (enron doku) welche auch "nur" übertünchten. anders beim bund und global in der schweiz. die sp
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Vor 3 Jahren 11 Monaten  · 
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ss fre - immer noch in amt und würden.....gerne hätte ich eine sonderaufgabe beim bund. aber diese bleibt den parteibüechli vorbehalten. geschehen was geschehen ist....

Vor 3 Jahren 10 Monaten  · 
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