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Interview

Toni und Ruth Vescoli geniessen das Frühlingswetter daheim auf der grossen Terrasse ihrer Eigentumswohnung in Wald im Zürcher Oberland. Die Rose hat der Musiker seinem Ruthli «einfach so» von der Tankstelle nach Hause gebracht. Bild: Nicolas Y. Aebi

Seit 53 Jahren frisch verliebt

Von: Maja Zivadinovic

02. April 2019

Als sich Toni Vescoli und seine Frau Ruth kennen lernten, war es für beide Liebe auf den ersten Blick. Seit Jahrzehnten bringt er seiner Liebsten heute noch den Kaffee ans Bett.

Wann haben Sie sich zuletzt «Ich liebe dich» gesagt?

Ruth Vescoli: Das weiss ich ganz genau. Heute Morgen stand ich im Bad, als mir Toni sagte, dass er mir was Wichtiges mitteilen muss.
Toni Vescoli: Genau. Da habe ich sie umarmt und ihr gesagt, dass ich sie sehr lieb habe.

Sind Sie immer so grosszügig mit Liebesbekundungen?

Toni: Ja, sicher. Das kostet uns aber keine Energie. Wir handeln immer aus dem Gefühl heraus. Wenn ich Ruthlis Auto tanke und schöne Blumen sehe, dann kaufe ich sie ihr.
Ruth: Toni ist ein sehr guter Mann. Er bringt mir seit 30 Jahren jeden Morgen um 10 Uhr den Kaffee ans Bett. Ist er nicht daheim, dann hinterlässt er mir Liebesbotschaften auf kleinen Zetteln bei der Kaffeemaschine. Ich habe schon eine riesige Sammlung.
Toni: Dafür serviert mir Ruth immer sonntags den Kaffee ans Bett. Oft macht sie sich sogar richtig hübsch dafür. Wenn sie dann im Négligé am Bett steht, dann brennt die Leidenschaft mit uns durch.

Sie sind seit 53 Jahren verheiratet. Mit Verlaub: Hat man da noch Sex?

Ruth: Natürlich. Ich mache mich immer noch hübsch für Toni oder ziehe auch mal schöne Dessous an.
Toni: Wir hatten nie eine Flaute im Bett. Die körperliche Anziehung hat auch nie nachgelassen bei uns. Sie sehen, wir mussten nie einen Sextherapeuten aufsuchen.
Ruth: Quickies in der Küche haben wir schon nicht mehr alle Tage. Heute ist die Sexualität eher so, dass wir das Nahbeieinandersein sehr geniessen.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie sich zum ersten Mal gesehen haben?

Ruth: Ich wollte nie einen Musiker, nie einen blonden Mann und nie einen mit Brille. Und dann im Jahr 1965 betrat ich ein Lokal, in dem Toni gerade auf der Bühne stand. Er war blond, trug eine Brille und war Musiker. Ich weiss nicht, wie es passieren konnte, aber ich war direkt sehr verliebt.
Toni: Mir ist Ruthli schon aufgefallen. Sie war einige Abende hintereinander an unseren Gigs. Bevor ich sie aber jeweils ansprechen konnte, war sie schon weg. Ich fand sie sehr hübsch und spannend.

Wer hat wen erobert?

Toni: Eines Abend erwischte ich sie in einer Bar an der Jukebox. Ich stellte mich zu ihr und sagte: «Frölein, Sie müend d Rolling Stones wähle», da schaute sie mich an und sagte, sie entscheide selber, was sie wolle. Das hat mir imponiert.
Ruth: Ich habe Toni dann mit seiner damaligen Freundin zu einem Ausflug an den See eingeladen. Ich kam mit meinem damaligen Partner und meinen Kindern. Das war einerseits merkwürdig. Vor allem, weil wir drei Stunden lang nur Augen für uns hatten.

Braucht die Liebe Rituale?

Toni: Ich will auf jeden Fall keines unserer Rituale missen. Eines der schönsten ist sicher, dass wir jeden Monat bei Neumond auf der Terrasse stehen, uns umarmen, uns etwas wünschen und uns dreimal vor dem Mond verneigen. Dann küssen wir uns.
Ruth: Und wir gehen jeden Abend zusammen ins Bett, wo wir umarmt einschlafen.
Toni: Ausserdem achten wir sehr darauf, dass wir nie im Streit schlafen gehen.

Apropos Streit. Wie oft und weswegen geraten Sie aneinander?

Ruth: Ui, da muss ich sehr weit und lange überlegen. Es klingt kitschig, aber Toni und ich zanken uns wirklich so gut wie nie.
Toni: Und wenn, dann nur wegen sehr kleinen Bagatellen, die am Ende des Tages nicht der Rede wert sind. Manchmal finde ich, dass Ruthli etwas zu wenig streng mit Pipa, unserem Chihuahua, ist.

Wie beschreiben Sie einander als Eltern?

Toni: Als ich Ruthli kennen lernte, war sie eine alleinerziehende Mutter. Das hat mir sehr imponiert, zumal das zu dieser Zeit sehr aussergewöhnlich war. Ich empfand sie schon damals als eine sehr geduldige, liebende und grosszügige Mama. Und ich fand es toll, dass ich mit Ruth quasi Schlag auf Fall Papa wurde. Ruthlis Kinder Kari und Carmen haben mich von Anfang an akzeptiert.
Ruth: Toni war von Anfang an ein liebevoller Vater. Und zwar zu meinen Kindern und dann auch zu unserer Tochter Natalie, die 1968 geboren wurde. Da wir beide als Kinder geschlagen wurden, war für uns klar, dass unsere Kinder nie Gewalt erleben müssen.

Was für eine Rolle spielt Musik in Ihrer Beziehung?

Toni: Ruthli, weisst du noch, als du 1967 mal nach dem Ausgang im Auto in den Wald gebogen bist und wir zu «A Whiter Shade of Pale» von Procol Harum Liebe machten?
Ruthli: Natürlich. Da haben wir Natalie gezeugt.
Toni: Bis heute hat das Lied eine speziell schöne und tiefe Bedeutung für uns. Am 12. April erscheint Ihr neues Album «gääle Mond».

Herr Vescoli, Sie haben das Album Ihrer Frau gewidmet. Warum?

Toni: Ohne Ruthli wäre meine Musik nicht das, was sie ist.
Ruth: Manchmal weckt mich Toni morgens um 2 oder 3 Uhr, um mir Texte oder Melodien zu zeigen. Ich gebe mir auch mitten in der Nacht Mühe, konstruktive Kritik zu geben.
Toni: Richtig. Oft aber sind wir derselben Meinung und haben meist den gleichen Gedanken.

Wenn Sie auf das letzte halbe Jahrhundert zurückblicken. Was würden Sie anders machen?

Toni: Ich kann Ihnen sagen, was ich sofort wieder machen würde.
Ruth: Ich auch. Auch bin ich sicher, dass wir jetzt wieder den gleichen Gedanken haben.
Toni: Ja, da gehe ich auch davon aus. Ich spreche es nun aus: Ruthli, ich würde dich jederzeit und sofort wieder heiraten.
Ruth: Genau dasselbe wollte ich auch sagen. Du bist meine grosse Liebe, Toni. Ich würde auch jederzeit wieder «Ja, ich will» sagen. Ich habe schon ein cheibe Glück mit dir.

Gut zu wissen: Ruth und Toni Vescoli

Toni Vescoli wird am 18. Juli 1942 geboren. Er wächst in Zürich, Peru und Küsnacht auf. Später lernt Vescoli Hochbauzeichner und gründet im Jahr 1962 Les Sauterelles, seine eigene Rockband. Schon bald gilt die Formation mit Vescoli als Leadsänger als «The Swiss Beatles». 1968 hält sich die Band mit der Single «Heavenly Club» wochenlang an der Spitze der Schweizer Hitparade. 1970 löst Toni Les Sauterelles auf und startet eine Solokarriere. Es entstehen Mundart-Alben wie «Lueg für dich». Seit 1993 treten die Sauterelles wieder regelmässig auf.

Ruth Vescoli erblickt am 12. Januar 1934 das Licht der Welt. 1965 begegnet Ruth Toni bei einem Konzert in Zürich und verliebt sich in den Musiker. Ruth bringt die Kinder Kari und Carmen mit in die Ehe. Im Juli 1968 schenkt Ruth Natalie, der gemeinsamen Tochter mit Toni, das Leben. Toni und Ruth sind heute Grosseltern von Enkel Vincent. Die Vescolis leben seit 2008 in Wald im Zürcher Oberland in einer grosszügigen Attika-Eigentumswohnung. Im Haus dahinter wohnt Tochter Natalie. Zuvor hauste das Paar während 37 Jahren in einem alten Bauernhaus in Wila, das die Vescolis selber renoviert hatten.

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