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Interview

"Viele Städter halten es hier nicht aus"

Von: Clarissa Rohrbach

07. April 2015

Immer mehr junge Stadtzürcher ziehen aufs Land. Florian Birrer (31) hat Zürich für Sternenberg verlassen und bereut es kein bisschen.

Sie sind im Kreis 8 aufgewachsen. Seit fast fünf Jahren wohnen Sie aber allein auf 150 Quadratmeter in Sternenberg. Wieso sind Sie aufs Land gezogen?
Ich bastle gerne meine eigene Sachen und sammle leidenschaftlich. In meiner ehemaligen Stadt-WG genügte mir der Platz schlichtweg nicht, ich fühlte mich eingeengt. Hier kann ich allerhand Material für meine Werkstatt lagern und mich entfalten. Nicht wie in der Stadt, wo man wegen der Nachbarn nach 22 Uhr nicht mehr hämmern darf. Ausserdem arbeite ich in der Eventbranche, meine Einsätze finden überall statt. Ich war nicht mehr so stadt­bezogen. Und damals mit 27 Jahren verlor auch der Ausgang am Wochenende immer mehr seinen Reiz.

Welche sind die Vorteile von einem ländlichen Leben?
Ich geniesse die Ruhe. Morgens trinke ich meinen Kaffee, und ein Reh springt vorbei. In meinem Job läuft viel, hier kann ich auftanken. Und man muss nicht ständig Rücksicht nehmen, da man nicht so eng aufeinandersitzt: Die nächsten Menschen leben 500 Meter entfernt. Ich kann mich gehen lassen, auch Bub sein. Mit Freunden machen wir Feuer oder bauen Rampen im Schnee. Ausserdem kennt man sich und hilft sich untereinander. Ein Nachbar liefert mir Holz, bei einem anderen kann ich das Wild beziehen. Aber klar, ohne Auto ginge nichts. Im Winter brauche ich einen 4×4, um es überhaupt hier herauf zu schaffen. Ich kann nicht einfach schnell an die Tankstelle, um etwas zu kaufen. Das ist Lebensqualität.

Sie haben drei Jahre lang nach diesem Bauernhof gesucht. Ist es so schwierig, etwas zu finden?
Ich wollte etwas Bezahlbares, aber auch keine Bruchbude. Die Nachfrage ist gross, immer mehr Menschen wollen aufs Land.

Wieso?
«Back to the roots» ist ein Trend. Wer schon alles hatte, verzichtet freiwillig auf den Komfort. Man lernt, vom schnellen Leben herunterzufahren und die Langsamkeit zu schätzen. Für mich und meine Freunde ist es wichtiger, nützliche Fertigkeiten in der Natur zu erlernen, als Computerprofis zu sein.

Aber die Jungen von Sternenberg wollen doch in die Stadt?
Ja, einige Leute hier verstehen meine Entscheidung nicht. Für sie ist die Stadt das höchste Ziel.

Wie kommt es Ihnen vor, wenn Sie mal in Zürich sind?
Wenn ich meine Familie besuche, staune ich über die vielen Neubauten und die Menschenmassen: jeder gestresst in seinem Tunnel. Aber es kommen auch viele schöne Erinnerungen an die Kindheit hoch.

Gibt es keine Chance, dass Sie zurückkommen?
Viele Städter halten es nur ein paar Jahre auf dem Land aus. Für mich ist jetzt hier Heimat. Meine Frau sollte es hier auch mögen. Und für Kinder hat es auch genug Platz.

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