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Interview

Stefan Büsser leidet an der unheilbaren Krankheit Cystische Fibrose. Bild: Ellin Anderegg

«Würden Witze heilen, hätte ich die Formel längst verkauft»

Von: Clarissa Rohrbach

19. Juli 2016

Moderator und Comedian Stefan Büsser leidet an einer tödlichen Krankheit, die seine Lunge zerstört. Um zu überleben, muss er früher oder später ein fremdes Organ annehmen

Stefan Büsser, Ihre Eltern haben Ihnen mit vier Jahren gesagt, dass Sie an Cystischer Fibrose (CF) leiden. Wie haben Sie reagiert?
Mit vier Jahren ist einem das ganze Ausmass einer solchen Diagnose nicht klar. Ich dachte einfach, o. k., ab jetzt muss ich regelmässig mein Medikament inhalieren. Wieso genau, wusste ich nicht. Erst im zweistelligen Alter verstand ich die Krankheit allmählich.

Schon in der Schule mussten Sie öfter ­husten als die anderen Kinder. Fühlten Sie sich anders?
Ich merkte, dass ich körperlich weniger leisten konnte. Im Sport wählte man mich immer als Letzten; die anderen dachten sich wohl, mit dem spielen wir lieber nicht, wenn wir gewinnen wollen. Aber da man äusserlich nichts sieht, wurde ich nie gemobbt. Erstaunlich, da Kinder eigentlich echt grausam sein können.

Sie waren als Kind der Klassenclown. War Ihr Witz eine Art von Therapie?
Für die Lehrer war ich wohl eher nervig als witzig. Aber nein, mein Vater ist auch witzig, das habe ich wohl von ihm. Wenn Witze heilen könnten, hätte ich diese Formel schon längstens verkauft und wäre jetzt Multimilliardär.

Trotzdem ist Ihr Comedy­programm «Aura» aus einem Spitalaufenthalt heraus entstanden.
Humor ist der Weg, den ich gewählt habe, um mit meiner Krankheit umzugehen. Damit fahre ich gut. Die psychische Komponente ist eines vom Wichtigsten im Heilungsprozess: Wenn ich unbeschwert bin, gehts mir gesundheitlich viel besser, als wenn mich etwas plagt. Natürlich ist mir aber auch der Ernst der Lage bewusst. Man darf die Krankheit nicht verdrängen, aber ihr auch nicht zu viel Platz geben, sonst erfüllen sich die schlimmsten Befürchtungen. Ich stehe nicht auf und denke: «Shit, ich bin krank.» Mein Ziel ist es, den Tag normal zu verbringen.

Sie reden öffentlich über Ihre Krankheit. Warum?
Weil es hilft, auf eine Krankheit aufmerksam zu machen, die man in der Schweiz wenig bis gar nicht kennt. Und mein Wunsch ist es, dass sich die Leute beim Lesen dieses Interviews auch Gedanken zur Organspende machen. Wenn das passiert, hat sich das Aufgeben eines grossen Teils meiner Privatsphäre wenigstens gelohnt.

Welche Symptome spüren Sie?
Im Alltag fehlt mir vor allem die Luft, ich werde schnell müde. Ich mache täglich rund eine Stunde Atemtherapie. Ein bis zwei Mal jährlich fange ich mir zudem einen Infekt ein, den man mit Antibiotika oder sogar stationären Behandlungen im Spital behandeln muss.

Was passiert mit Ihrer Lunge?
Es bildet sich immer mehr Schleim, bis ihn die Lunge irgendwann nicht mehr abtransportieren kann. Dann muss man das Organ wechseln.

Würden Sie eine fremde Lunge annehmen?
Auf jeden Fall.

Sind Sie schon auf der Liste?
Nein, dafür geht es mir noch zu gut.

Sie fordern Ihre Fans regelmässig auf, einen Organspendeausweis auszufüllen. Wieso gibt es so wenig Spender?
Pro Woche sterben in der Schweiz zwei Menschen, weil ein Organ fehlt. Das ist zu viel. Ich denke, viele wissen schlicht zu wenig darüber oder haben kein Interesse. Und dann ist es auch ein Versagen der Politik. In Österreich kommt man als Organspender zur Welt, dort muss man sich ab- statt anmelden. Beim Aufklären habe ich gemerkt, dass es die meisten eine gute Sache finden, sobald sie davon erfahren.

Fürchten Sie sich vor einer Transplantation?
Klar, man liegt nicht fünf Stunden in der OP, und dann ist alles gut. Die Gefahr besteht, dass der Körper das Organ abstösst, man muss Medikamente nehmen und physische Aufbauarbeit leisten. Deswegen führt man vor der Transplantation viele Gespräche, wo einem schonungslos die ganze Wahrheit gesagt wird.

Die Ärzte prophezeiten Ihren Eltern, dass Sie höchstens die Pubertät erreichen würden. Doch Sie leben noch.
Es tut mir schrecklich leid für sie, denn ich habe ihr Budget jetzt massiv überzogen. Nein, im Ernst, das war damals schlimm für meine Eltern. Der medizinische Fortschritt hat zu unseren Gunsten gearbeitet. Ich kenne mittlerweile CFler, die vermutlich noch das Rentenalter erreichen werden. Das macht Mut.

Treffen sich CFler untereinander?
Wir sind in Kontakt. Treffen sind immer seltener. Mit all den Keimen, die da zusammenkommen, liest man allzu schnell etwas auf.

Sie sind mit über 75 000 Followern auf Facebook der beliebteste Schweizer Moderator im Netz. Hat Sie die Krankheit angespornt, alles zu geben?
Das kann sein. Ich habe mir früh darüber Gedanken gemacht, was ich im Leben will, weil ich weniger Zeit habe als andere. Ich wollte viel herausholen, und das ist mir gelungen. Ich stehe jetzt, wo ich stehen möchte.

Sitzt Büssi jemals deprimiert in einer Ecke?
Ich bevorzuge es zu liegen.

Ernsthaft.
Man kann nicht 24 Stunden lang Witze machen. Auch ich habe meine Zweifel, wenn ich alleine zu Hause bin. Aber es ist jetzt nicht so, dass ich auf der Bühne lustig bin und im Nachhinein Antidepressiva schlucke. Manchmal hat man einfach einen Scheisstag. Aber das geht jedem so.

Letztes Jahr gab es in der Schweiz 246 Organspender, 103 davon lebend. Von 1384 Personen auf der Warteliste bekamen nur 552 eine Transplantation. 3 Prozent der Wartenden starben. Am häufigsten wurden Nieren transplantiert, gefolgt von Lebern, Lungen und Herzen.
Swisstransplant hat neu die App «Medical ID» entwickelt. Damit kann sich jeder als Organspender registrieren und seine Spendekarte auf dem Handy speichern. Eine Alters­limite gibt es keine.
www.swisstransplant.org

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Leserkommentare

Simon Peter - Wenn man den Ausführungen von Herrn Büsser auf Facebook glauben darf (warum nicht?), ist es eine absolute Frechheit, wie dieser Artikel zustande gekommen bzw. auf der Titelseite gelandet ist.

Vor 3 Jahren 3 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.

Marco Heeb - Ich finde es einfach nur schwach, dass ihr nicht die Abmachungen mit Stefan Büsser eingehalten habt. Ihr wollt immer nur eine Schlagzeile und denkt kein bisschen weiter. Ihr nehmt keine Rücksicht. Ich hoffe ihr werdet die vorgeschlagene Spende machen, das
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Vor 3 Jahren 3 Monaten  · 
Noch nicht bewertet.