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Zürcher Autofahrer total unfreundlich

Von: Clarissa Rohrbach

23. Juni 2015

Kaum ein Autofahrer bedankt sich mehr beim anderen. Laut Experten würde mehr Anstand die Strassen sicherer machen.

Peter Müller siehts nicht mehr ein. «Wieso sollte ich anderen den Vortritt lassen? Es bedankt sich ja keiner mehr.» Jeden Morgen steht er auf dem Utoquai im Stau. Trotz blanken Nerven lässt er aus Goodwill Autofahrer aus den Nebenstrassen einspuren, die sonst keine Chance hätten. Doch wegen der vielen unfreundlichen Reaktionen vergeht ihm die Lust, nett zu sein. Für Müller ist das Phänomen neu. «Früher waren nette Gesten zwischen Fahrern selbstverständlich.»


«Es gibt tatsächlich immer mehr Egoisten auf Zürichs Strassen», bestätigt Fahrlehrer René Essbach aus Oerlikon. Nicht selten hupen gestresste Autofahrer seine Schüler an. Viele würden voller Frust hinter dem Steuer sitzen. Die Schuld daran sieht Essbach im hohen Leistungsdruck in der Geschäftswelt. «Die unfreundlichsten Autofahrer sind über 35 Jahre alt. Sie haben viele Verpflichtungen – Job und Familie – den Druck lassen sie am Steuer aus.» Der Fahrlehrer rät, mit Handbewegungen anständig zu kommunizieren: So fliesse der Verkehr besser, und es verringere sich das Unfallrisiko.


Stefan Holenstein, Generaldirektor des Automobil-Clubs der Schweiz (ACS), fährt selber in Zürich. «Die Autofahrer scheinen gehetzter als vor einigen Jahren. Sie haben mehr das persönliche Vorankommen im Fokus.» Den Grund sieht er in der massiven Zunahme der Verkehrsbelastung. Bei rund 135 000 Personenwagen in der Stadt Zürich überqueren rund 600 000 täglich die Stadtgrenze. Die Zahl der Zupendelnden hat sich in den letzten 40 Jahren verdoppelt.


Winken entspannt
Die Unfreundlichkeit auf der Strasse hat so zugenommen, dass der ACS erwägt, eine Kampagne zu lancieren. Die letzte zu diesem Thema – «Mit Anstand fährt man besser» – war in den 80er-Jahren. Für Holenstein ist es wichtig, an die Eigenverantwortung zu appellieren. «Freundliche Autofahrer wirken ansteckend und schaffen mehr freundliche Autofahrer.» Anständiges Winken sei ein entschleunigender Faktor auf der Strasse: Autofahrer verstehen sich, freuen sich und sind danach entspannter.


Ein entspanntes Klima beim Autofahren schafft laut Verkehrspsychologin Jacqueline Bächli-Biétry schliesslich auch mehr Sicherheit. Nette Gesten und Blickkontakt seien dabei extrem wichtig. «So fühlen sich die Autofahrer beachtet und wohler. Der andere ist nicht mehr ein Gegner – man hat ein gemeinsames Ziel», sagt Bächli. Leider führe die massive Dichte auf Zürichs Strassen automatisch zu einem Konkurrenzverhalten. Jeder will so schnell wie möglich ans Ziel, die anderen werden zur Behinderung. Ein simples Winken schafft Verständnis.

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Leserkommentare

walter spörri - Das habe ich schon längere Zeit bemerkt, dass nicht mehr DANKE gesagt wird wenn man jemandem den Vortritt gewährt. Besonders Frauen danken nicht bei diesen Situationen.

Vor 5 Jahren 3 Wochen  · 
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