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Porträt

Lucian S. lebt und arbeitet seit sechs Jahren in seiner neuen Heimat Zürich. Bild: PD

Liebe, vom Krieg geformt

Von: Jan Strobel

10. Juli 2024

Der in Zürich lebende syrische Autor Lucian S. – der unter Pseudonym veröffentlicht – legt ein kraftvolles Buch über sein Überleben als schwuler Mann und eine ergreifende Liebesgeschichte vor.

Der junge Mann blickt durch das Fenster hinaus in die Unendlichkeit. Während dieses eineinhalbstündigen Flugs wiederholt er immer wieder dieselbe Konversation mit sich selbst, flüstert die Worte seiner Seele zu wie ein Mantra: Er befindet sich wirklich in dieser Maschine, und neben ihm sitzt Noah, der Schweizer Journalist, sein Anker im Sturm, seine Brücke über Abgründe – die Liebe seines Lebens. Es ist tatsächlich alles real, keine jener machtvollen Fantasien, die er sich zurechtgelegt hatte, um irgendwie durchhalten zu können.

Und dann zeichnet sich durch die Wolkendecke Zürich ab: Die beiden Türmchen des Grossmünsters ragen in die frühmorgendliche Klarheit, die Münsterbrücke spannt sich pittoresk über die Limmat, im Hintergrund schwimmt der Szenerie die Bläue des Sees entgegen.

Hinter sich gelassen hat der junge Mann die Hölle von Beirut, den Krieg in seiner Heimat Syrien, der alle Träume zerfetzte. Hinter sich lässt er ein Leben, das ihn als schwuler Mann einer Gesellschaft der sexuellen Aggression aussetzte, der Inhaftierung und Vergewaltigung hinter Kerkermauern. Als er jetzt Zürich, diese fremde, kleine Stadt, unter sich erblickt, sagt er sich: «Das ist der Ort in dieser Welt, an dem ich mich glücklich und sicher fühlen werde.»

Brutale Selbstfindung
Mit seinem Tatsachenbericht «Stripped», der gerade im Buchhandel erschienen ist, legt der syrische Autor Lucian S., so nennt sich der junge Mann in seinen Dreissigern, ein aussergewöhnliches und kraftvolles Debüt vor – und ein eindringliches Stück syrisch-schweizerischer LGBTQ-Literatur. Er bietet einen bisher noch nie erzählten Einblick in das untergründige Leben von queeren Menschen im Nahen Osten.

Lucian S. schildert den brutalen Weg der Selbstfindung und Selbstakzeptanz in einer queeren Community, die in ihrer Unerbittlichkeit selbst ein Opfer der gesellschaftlichen Umstände ist. Solidarität macht verwundbar, wenn es ums eigene Überleben geht. Das erfahren im Buch zum Beispiel diejenigen Männer, die sich einer Geschlechtsumwandlung unterziehen, um als Transfrauen Geld als Escorts verdienen zu können, ein Geschäft, das im Nahen Osten blüht. «Stripped» erkundet den allgegenwärtigen Krieg, die Korruption und die Diskriminierung, welche die Existenz in dieser Region bestimmen.

Die Reise des Lucian S. ist aber besonders auch eine ergreifende Liebesgeschichte, in der er seine Beziehung mit einem Schweizer Journalisten – im Buch nennt er ihn Noah – schildert. Die beiden lernen sich kennen, als Noah für eine grosse Tageszeitung eine Reportage über schwule Männer im Krieg verfasst. Aus der anfänglich rein professionellen Beziehung erwächst eine Liebe, die im Schmelzofen Syrien geschmiedet, im Libanon auf die Probe gestellt und schliesslich vor sechs Jahren in Zürich einen Hafen findet.

Lucian S. entschied sich für die Veröffentlichung unter einem Pseudonym, um seine Sicherheit zu gewährleisten. Es spricht daraus das Echo eines Traumas und die Realität, dass der Schatten des Schwulenhasses vor Staatsgrenzen keinen Halt macht. Aber, wie es Lucian S. in der Einleitung zum Buch mit einem Zitat des syrischen Dichters Nizar Qabbani bekräftigt: «Hass kann weder zeugen noch gebären.» Dieses Buch ist also auch ein Appell gegen die Gleichgültigkeit, und es ist vor allem die Geschichte eines würdevollen Triumphs des menschlichen Willens, eines «Ja» zum Leben, trotz aller Hindernisse.

Kleider abstreifen
Verfasst ist «Stripped» in Englisch, für Lucian S. die Weltsprache, mit welcher er seine Botschaft gleichsam grenzüberschreitend erzählen kann. Und immerhin hatte er in Syrien vor Ausbruch des Kriegs Arabisch-Englische Übersetzung studiert.

Übersetzen liesse sich der Titel «Stripped» in «entblösst». Lucian S. legt mit diesem Buch sein Innerstes offen, er streift sozusagen die Kleider, den schützenden Mantel um seine Seele ab. Ein Name, der sich dieser Entblössung zuordnen liesse, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. Oder, um es mit Lucian S. zu sagen: «Meine Geschichten zu teilen ist, wie wenn ich nackt in die Welt hinausschreite.»

Weitere Informationen:
Lucian S.: «Stripped: A Memoir»
Sprache: Englisch
Books on Demand, 2024
ISBN: 978-3759752734
E-Book: 978-3758354069

luciantheauthor.weebly.com

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