patrick schwarzenbach
Zürich, so sagte es einmal ein Freund zu mir, verwandle sich Jahr für Jahr im Sommer von einer alemannischen in eine mediterrane Stadt. Wo im Winter gemütliche Stuben und Glühwein und heisse Schokolade präsent seien, gäbe es plötzlich Espresso, Rosé und helle Plätze mit Sonnenschirmen.
Ich kann ihm da nur beipflichten. Während wir im Herbst geizig werden und beginnen möglichst viele Äpfel im Keller zu horten, sind wir im Sommer grosszügig, lustig und sonnengebräunt – die Kinder müssen nicht schon um Acht ins Bett und man spricht ungeniert mit dem Tüechlinachbarn in der Badi. Es ist ein geographisches Stimmungswunder, wie wenn das Herz der Stadt für ein paar Monate ans Mittelmeer verlegt würde.
Natürlich werden wir im Herbst ein wenig melancholisch, wenn alles kälter wird und nach Norden rückt – mehr Schichten und mehr Mauern bestimmen dann wieder den Alltag in Zürich. Aber diese mentale Verschiebung darf uns auch optimistisch stimmen, denn wenn es offensichtlich möglich ist, eine ganze Stadt – vom Münsterplatz bis zum Primetower – in eine wohlwollende und offene Stimmung zu verschieben, dann dürfte uns das in den kleinen kalten Momenten des Alltags auch gelingen. Dann haben wir in starren Situationen wohl auch die Möglichkeit, so entspannt und wohlwollend zu reagieren, als lägen wir unter einem Sonnenschirm.
Jetzt können wir es noch üben, am See, auf den Plätzen und mit einem kühlen Glas in der Hand, damit wir uns im November nicht wie ein alemannischer Dichter fragen müssen: «Wo nehm’ ich, wenn es Winter ist, die Blumen, und wo den Sonnenschein, und Schatten der Erde?» Dann finden wir entspannt auch im winterlichen Zürich mehr Zurigo.
Patrick Schwarzenbach ist Pfarrer
in der Offenen Citykirche St. Jakob