Min Li Marti, Verlegerin und SP-Nationalrätin.
«Schaust du eigentlich noch Fernsehen?», hat mich kürzlich ein Bekannter gefragt. Und ich musste nachdenken. Und tatsächlich nutze ich keinlineares Fernsehen mehr, wenn nicht gerade ein sportliches Grossereignis oder eine globale Pandemie stattfindet. Und auch Radio höre ich nur noch zeitversetzt. Die Nutzergewohnheiten und das Angebot haben sich verändert, die Digitalisierung hatvieles möglich gemacht und einiges zerstört. Allen Veränderungen zum Trotz bin ich vehement gegen dieHalbierungsinitiative, die defactoeine Zerstörung der SRG will.
Gerade kürzlich musste die neueDirektorin Susanne Wille empfindliche Sparmassnahmen bekanntgeben. 900 Stellen werden abgebaut. Der Grund ist vor allem in der Kürzung zu suchen, die Bundesrat Rösti in Eigenregie beschlossen hat. Um zehn Prozent wird die Gebühr ohne Abstimmung gekürzt, zusätzlich wird die Teuerung nicht mehr ausgeglichen. Dazu kommen sinkende Werbeeinnahmen. Die angekündigten Massnahmen zeigen deutlich: Man kann nicht einfach sparen, ohne dass etwas geschieht.
Man kann vieles aussetzen am Fernsehprogramm. Und vieles auch zu Recht. Nur gäbe es die SRG nicht, müsste man sie gerade heute erfinden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk wurde in vielen Ländern Europas nach dem zweiten Weltkrieg auch als Reaktion auf die Nutzung des Rundfunks als Propaganda-Instrument durch den Nationalsozialismusgegründet, in der Schweiz auch als Mittel der geistigen Landesverteidigung. In einer Zeit wachsender Unübersichtlichkeit, Desinformation und Unsicherheit darüber, welche Informationen richtig und falsch sind, ist ein Informationssystem, das nur der Öffentlichkeit gegenüber verpflichtet ist, umso wichtiger. Insbesondere weil immer unklarer wird, ob die traditionellen privaten Medien die Medienkrise überstehen und ob die neuen, «sozialen» Medien in irgendeiner Form zu einer guten Information beitragen. So gesehen müsste man das Budget der SRG eher verdoppeln als halbieren. Und kritisieren lässt sich auch nur etwas, was es noch gibt.
Min Li Marti
Verlegerin und SP-Nationalrätin