Christian Messikommer
Mitten im No-Shave-November liess ich meine sekundären Geschlechtsmerkmale wild wuchern. Nach einer Woche fing der Juckreiz an und mir wurde wieder klar, warum ich nie im Leben einen Bart gehabt habe. Die Barbologen in meinem Freundeskreis empfahlen abenteuerliche Bartöle, aber ich habe verzichtet. Wenn niemand hinsah, habe ich meinen Kiefer gekratzt, als stünde er in Flammen. Nach zwei Wochen kannte mich mein Handy nicht mehr. Gesichtserkennung? Nicht mit der Matte in der Visage. Nach dem Duschen fühlte es sich an, als hätte ich einen nassen Waschlappen im Gesicht.
So ein Bart hat nur wenige Vorteile: Er kaschiert ein fliehendes Kinn, gibt warm im Winter, man kann sich im Gesicht kratzen und sieht dabei intelligent aus und nicht wie ein Depp mit Krätze und: Mann kriegt Komplimente. Trotzdem, mein Gesicht fühlt sich an, wie … haben Sie mal einen Rauhaardackel gestreichelt? Genau SO. Beim Einschlafen glaube ich, ich hätte einen Filz zwischen Gesicht und Kissen.
Auch olfaktorisch gibt so ein Bart nichts her. Du riechst ständig Haare. Stand nirgends in der Gebrauchsanweisung, genausowenig wie dass man beim Trinken immer so einen nassen Patch unter der Nase hat. Meine Flokati-Front hat in der vierten Woche eine erste Trimmung erhalten. Ich bekomme zwar Komplimente, trotzdem überwiegen für mich die Nachteile: Wenn ich mich schnäuze, weiss ich danach nie, ob da noch Schleim in der Rotzbremse hängt. Auch Reste von Mahlzeiten halten sich gerne an Gesichtshaaren fest. Deshalb auch der Ausdruck «Flavor Saver», den meine ältere Tochter meinem Bart gegeben hat. Nach 32 Tagen Wildwuchs habe ich Klinge und Kamera gezückt: Erst den Jesus, dann den Rapper, dann alles hinter dem Kinn rasiert und den Schiissideckel übriglassen, weiter mit Hulk Hogan, Robin Hood und Frank Zappa. Als die Unterlippen-Mumu weg war, blieb noch der Pornobalken und als letzte Etappe der Charlie Chaplin, benannt nach seinem zweitbekanntesten Träger. Ein kurzer Schnitt und dann wars vorbei, mein Bart-Abenteuer. Uff!
Mehr Text unter:
messiswelt.com
Christian Messikommer ist Journalist, verheiratet und
Vater zweier Töchter