Katrin Künzle ist lizenzierte Knigge-Trainerin und Berufsbildnerin.
Neulich beim Mittagessen in einem Zürcher Restaurant spielte sich am Nebentisch folgende Szene ab, die ich als Knigge-Trainerin leider häufiger beobachte, als mir lieb ist. Zwei junge Frauen, modisch gekleidet, nehmen Platz und stellen als Erstes ihre Handtaschen auf den Tisch. Kurz darauf folgt das Smartphone. Der Spiegel wird gezückt, die Lippen nachgezogen, die Haare kurz in Form gebracht. Dann noch schnell ein Selfie. Dass die Service-Mitarbeiterin bereits an ihrem Tisch steht und wartet, scheint den beiden Damen entgangen zu sein. Während des anschliessenden Essens bleibt das Handy im Dauereinsatz, im Gegensatz zur Serviette. Diese wird ignoriert. Den Höhepunkt der Darbietung bildet ein lautes Schnippen mit den Fingern, um die Service-Mitarbeiterin für weitere Getränke herbeizurufen.
Wie man sich bei Tisch verhält, scheint manchen Gästen nicht mehr geläufig zu sein. Im privaten Umfeld ist es schlicht respektlos, wenn das Gegenüber nur auf den Bildschirm starrt und die einfachsten Regeln der Tischkultur vergisst. Im geschäftlichen Kontext kann ein solcher Auftritt unangenehme Folgen für die berufliche Zukunft haben.
Dabei sind die Regeln erstaunlich einfach und zeitlos:
Aufmerksamkeit ist die eleganteste Form von Höflichkeit. Blickkontakt, Zuhören und echtes Interesse schaffen eine angenehme Atmosphäre. Wer hingegen mit den Fingern nach dem Service-Personal schnippt, zeigt vor allem eines: sehr schlechte Manieren. Handys und Handtaschen gehören nicht auf den Tisch. Wer einen wichtigen Anruf erwartet, entschuldigt sich kurz und führt das Gespräch draussen. Wer den Lippenstift nachziehen oder die Frisur richten möchte, benutzt dafür den Waschraum.
Der gute Ton hat übrigens nicht mit Steifheit zu tun. Im Gegenteil: Er sorgt dafür, dass sich alle am Tisch wohlfühlen. Plötzlich stellt man fest, dass das Gegenüber am Tisch deutlich interessanter ist als der Bildschirm in der Hand.
Katrin Künzle, lizenzierte Knigge-Trainerin
und Berufsbildnerin