Eine Zürcher Idee eroberte Amerika
Die direkte Demokratie in den USA nahm im 19. Jahrhundert ihren Weg über Zürich. Ihre Geschichte ist eng mit jener des Sozialutopisten Karl Bürkli verbunden. Teil 2. - Von Isabella Seemann
Die direkte Demokratie in den USA nahm im 19. Jahrhundert ihren Weg über Zürich. Ihre Geschichte ist eng mit jener des Sozialutopisten Karl Bürkli verbunden. Teil 2. - Von Isabella Seemann
Das Experiment, in Texas ein sozialistisches Paradies aufzubauen, scheitert krachend («Tagblatt» vom 8. Juli). Karl Bürkli, Spross einer einflussreichen Zürcher Patrizierfamilie, erleidet Verluste, verfällt in eine Depression und tröstet sich mit Morphium. 1858 kehrt er nach einer Odyssee in die Heimat zurück. Enttäuscht, doch nicht entmutigt. Er arbeitet wieder für den Konsumverein, den er vor seiner Auswanderung mitgegründet hatte. Doch trennt er sich bald im Streit, da ihm die Entwicklung als zu kapitalistisch erscheint.
Im Niederdorf übernimmt er ein Wirtshaus, das er «Konsum» nennt und zum Zentrum der Demokratischen Bewegung macht. Fortan verfasst er Traktate und engagiert sich wieder politisch. Er fordert
direkte Demokratie und Gesetzgebung durch das Volk. Am 18. April 1869 kommt es zu einem bedeutenden Durchbruch: Zürich erhält als erster Kanton eine Verfassung, die Volkssouveränität sowie Initiative und Gesetzesreferendum verankert. Doch Bürkli denkt über Zürich hinaus. Die Schweiz soll zum demokratischen Kern der «Vereinigten Staaten von Europa» werden. Er erwägt sogar einen Beitritt der Schweiz zu den USA: «Amerika ist die einzige Republik, von der wir etwas lernen können.» In Amerika wiederum wächst das Interesse an der Zürcher Entwicklung.
Bürklis Schriften verbreiten sich im englischen Sprachraum. 1888 besucht ihn der Gewerkschafter und Reformaktivist James William Sullivan aus New York. Mit seinem von Bürkli inspirierten Werk «Direct Legislation by the Citizen-ship through the Initiative and Referendum» macht er die Idee der Volksrechte in den USA populär.
In der Folge führen 26 Bundesstaaten direktdemokratische Instrumente ein. In das Buch, das
Sullivan dem Zürcher schenkt, schreibt er: «To Karl Bürkli! Pioneer!» Das Exemplar wird in der Zentralbibliothek aufbewahrt.
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