Katrin Künzle ist lizenzierte Knigge-Trainerin und Berufsbildnerin. Bild: PD
Wir leben in einer Du-Kultur. Thomas, der vor wenigen Wochen seine Lehre gestartet hat, grüsst den Chef mit «Hoi Reto». Im hippen Lokal wird gefragt: «Was wötsch trinkä?» Und im Kleidergeschäft heisst es: «Wenn drü T-Shirts nimsch, isch eis gratis.» Einfach und unkompliziert.
Ist das Du aber immer angebracht? Wenn die ganze Firma die Du-Kultur lebt, ist es dann im Kundenkontakt ebenfalls so? Jetzt wird es ein wenig heikel. Thomas überlegt sich, ob er mich als Kundin mit Katrin oder Frau Künzle ansprechen soll. Die Du-Form wirkt locker und modern, könnte aber bei einer älteren Person als unangemessen oder respektlos empfunden werden.
Die klassische Regel ist klar: Im beruflichen Umfeld bietet die hierarchisch höhergestellte Person das Du an. Also der Chef dem Lernenden und nicht Thomas dem Chef. Im privaten Bereich hat grundsätzlich die ältere Person das Vorrecht, das Du anzubieten. Dass die Dame dem Herrn das Du anbietet, ist überholt. Wir sieht es nun im Kundenkontakt aus? Nur weil sich in einem Unternehmen alle duzen, gilt das nicht automatisch für Kunden. Mit einem freundlichen «Grüezi Frau Künzle» liegt Thomas deshalb beim ersten Kontakt nicht falsch.
Und wenn mir jemand das Du anbietet, ich aber lieber beim Sie bleiben möchte? Auch das ist völlig in Ordnung. Wichtig ist, das Angebot wertschätzend abzulehnen: «Vielen Dank für Ihr Angebot. Ich würde gerne noch vorerst beim 'Sie' bleiben. Das ändert natürlich nichts an unserer guten und unkomplizierten Zusammenarbeit.» So wird klar: Abgelehnt wird nicht die Person, sondern lediglich das Du.
Mein Tipp: Sind Sie unsicher, starten Sie mit dem Sie. Zum Du wechseln kann man jederzeit. Umgekehrt wird es deutlich schwieriger. Aus «Grüezi Frau Künzle» wird problemlos «Hoi Katrin». Aus «Hoi Reto» wieder «Guten Morgen, Herr Müller» zu machen, braucht schon etwas mehr Fingerspitzengefühl.
Katrin Künzle, lizenzierte
Knigge-Trainerin und Berufsbildnerin