Was mich an diesem Montagabend hier in der Kanzlei am Helvetiaplatz erwartet, weiss ich nicht. Es könnte alles sein. Langweilig. Genial. Traurig. Dramatisch. Schlimm. Lustig. Ein Stück Zürcher Geschichte runtergebrochen auf 90 Minuten Monolog. Ich bin hier, um Joel Basman (gr. Bild) in seiner ersten Theaterrolle im Stück «Sonja – ein Junkieleben» zu sehen. Im Vorfeld bin ich skeptisch. Schafft es Joel, das Publikum ganz alleine während 1,5 Stunden bei Laune zu halten? Nicht mal das Bühnenbild ändert sich. Da ist ein Billett-Automat, auf dem «Militär-/ Langstrasse» steht, ein Bänkli, ein voller Einkaufswagen und eine Leine. Den dazugehörenden Hund sehen wir nicht, wir hören ihn nur. Und wir erleben, wie Sonja immer wieder zu ihm spricht. Mal liebevoll, mal energisch. Mal verzweifelt, mal aggressiv. Je nach Drogen, die sie grad konsumiert oder eben nicht, weil der Dealer (und Freund?) mal wieder viel zu spät auftaucht. Und das ausgerechnet an Sonjas 50. Geburtstag. Während sie auf ihr Heroin wartet, erzählt Sonja aus ihrem Leben. Den ersten Schuss setzte ihr der Sohn, «der coolste Junge von Uster», ih-res Handballtrainers. Damals war Sonja 14. Es folgte eine naive Amour fou. Sonja suchte Liebe – und fand sich am Platzspitz wieder.
Ihre 36-jährige Drogen-Odyssee ist auch ein Stück Zürcher Geschichte. Der Platzspitz war in den 80er- und frühen 90er-Jahren als «Needle Park» bekannt und galt als eine der grössten und offenen Drogenszenen Europas. Immer wieder kramt Sonja Zigaretten hervor, fragt Passanten nach einem Stutz und erzählt von Entzügen, einer Lehre, mehrfachem Diebstahl in den heimischen vier Wänden und einer Scheinehe, die im Knast endete. Ich nehme Sonja alles ab. Die Gossensprache, die Zerrissenheit und nicht zuletzt ihren Humor! Als Sonja beweist Basman einmal mehr sein ausserordentliches Talent als Schauspieler. Gerne mehr davon!
Text: Maja Zivadinovic
Bilder: Jann Clavadetscher/MZ