Filippo Leutenegger
In vielen Zürcher Schulhäusern berichten mir Lehr- und Betreuungspersonen von zunehmend heterogenen Klassen mit wachsendem Anteil an Kindern, die aufgrund ihres Verhaltens oder ihrer besonderen Bedürfnisse stark herausfordernd sind. Diese Situationen verlangen viel Aufmerksamkeit, Zeit und Fachwissen – und sie kosten Energie. Immer häufiger geraten Lehrpersonen, Betreuungsteams und Schulleitungen an ihre Grenzen –keineswegs aus mangelnder Bereitschaft, sondern weil die zunehmende Anzahl auffälliger Kinder pro Klasse die organisatorischen und pädagogischen Möglichkeiten übersteigt und damit das System Schule an seine Belastungsgrenzen bringt.
Zahlen belegen diese zunehmend problematische Entwicklung: Die Anzahl sonderschulbedürftiger Kinder hat seit 2020 in der Stadt Zürich um 25 Prozent auf über 1500 Kinder zugenommen. Die sogenannten «System-Sprenger» – Kinder, die im Zeichen einer «Ultima Ratio»-Lösung oft an einer Drittinstitution beschult werden – haben sich im gleichen Zeitraum von 150 auf 300 Kinder sogar verdoppelt. Mit entsprechend hohen Kostenfolgen. Besonders besorgniserregend ist, dass Buben mit einem Sonderschulbedürfnis mit einem Anteil von rund 70 Prozent massiv übervertreten sind.
Die Diskussion über die Grenzen der Integration in der Volksschule hat viele politische Debatten ausgelöst. Im Frühling hat der Kantonsrat die Förderklassen-Initiative angenommen. Die Kantonsregierung wurde aufge-fordert, die gesetzlichen Rahmenbedingungen vorzulegen. Die Bildungsdirektorin Silvia Steiner hat nun einen Vorschlag zur Umsetzung formuliert: Die Schulen sollen im Wesentlichen selber entscheiden, ob sie Förderklassen führen wollen.
Das Thema ist von links bis rechts heftig umstritten. Klar ist: Nach 20 Jahren muss die «Integration um jeden Preis» in der Volksschule hinterfragt werden. Es braucht in dieser sensiblen Frage mehr Pragmatismus und weniger Ideologie – im Interesse der Zukunft unserer Kinder.
Stadtrat Filippo Leutenegger, Schul- und Sportdepartement