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Kultur

Der Polizeibeamte Viktor Schuler (Philippe Graber, mit Kamera) spioniert die linke Theaterszene aus.Bilder: Vinca Film

Der Filmer und die Fichen

Von: Isabella Seemann

04. Februar 2020

Mit «Moskau Einfach!» bringt der Zürcher Drehbuchautor und Filmregisseur Micha Lewinsky einen starbesetzten Spielfilm über die skandalträchtige Fichenaffäre während des Kalten Kriegs in die Kinos.

Es war der Jahrhundertskandal: Aus Überängstlichkeit und Paranoia registrierte die Bundespolizei während des Kalten Kriegs, in dem eine durchaus reale Bedrohung von der Sowjetunion ausging, alles «Subversive». Und subversive Umtriebe witterten die Schnüffler eigentlich hinter allem, was nicht staatstragend war. Rund 900 000 Kartonfichen mit Informationen über etwa 700 000 Personen und Organisationen hatte der Schweizer Geheimdienst über Jahrzehnte angelegt. Die Angst vor der roten Gefahr im Knochenmark überwachte der Staatsschutz rund ein Zehntel der Bevölkerung, ein Drittel aller hier lebenden Ausländer: linke Politiker, Gewerkschafter, Journalisten, Pfarrer, Schriftsteller, soziale Bewegungen und Menschenrechtsorganisationen.

Dabei sahen sich die Betroffenen nicht selten mit schwerwiegenden Konsequenzen konfrontiert – bis hin zum praktischen Berufsverbot. Das Schwarz-Weiss-Denken, die Freund-Feind-Logik, war – natürlich nicht nur in der Schweiz – die dominierende Denkfigur im Kalten Krieg. Eher humoristisch nimmt sich da der Eintrag in der Fiche einer SP-Nationalrätin aus: «trinkt abends gerne ein Bier!».

Verbissen und grotesk
Mit «Moskau Einfach» kommt der grösste Schweizer Überwachungsskandal, der vor 30 Jahren, im November 1989, aufflog, nun als starbesetzter Spielfilm am 13. Februar in die Zürcher Kinos. Der Zürcher Drehbuchautor und Regisseur Micha Lewinsky setzt seine Komödie im Herbst 1989 an und nimmt die Zuschauer mit in die hysterischen Zeiten des Kalten Kriegs. «Viele über 40-Jährige können sich noch sehr gut erinnern und werden hellhörig, wenn man über die Fichen spricht. Noch erstaunlicher ist aber eigentlich, dass die unter 40-Jährigen kaum davon gehört haben!», sagt Micha Lewinsky. «Auch einige meiner Schauspieler waren ganz überrascht, als sie hörten, dass so etwas in der heilen Schweiz passiert ist. Ich finde es wichtig, daran zu erinnern. Denn die Überwachung der Bevölkerung ist ja auch heute wieder ein grosses Thema.»

Für eine Überwachung von solch gigantischem Ausmass wie im Kalten Krieg brauchte es viele diensteifrige Beamte. In «Moskau Einfach!» ist der 30-jährige Viktor Schuler (Philippe Graber) einer von ihnen. Die Aufgabe des Polizeibeamten besteht darin, das linksradikale Lokalradio LoRa abzuhören und die Aussagen des Moderators zu fichieren. Dann allerdings wird er von seinem Chef Marogg, gespielt von Mike Müller, zum Undercovereinsatz beordert: Er soll als Statist in einem Shakespearestück die linke Theaterszene im Schauspielhaus Zürich ausspionieren.

Dem auf Misstrauen getrimmten Jungpolizisten erscheint zunächst alles verdächtig. Dann allerdings verliebt er sich in ein verdächtiges Subjekt, in die Schauspielerin Odile Lehmann (Miriam Stein).
Das Doppelspiel wird ihm immer unangenehmer. Und prompt, kurz nach dem Fall der Berliner Mauer, fliegt ihm die Fichenaffäre auch ganz persönlich um die Ohren – denn Odile will nach seiner Enttarnung natürlich nichts mehr mit ihm zu tun haben. In seinem neuen Leben kann der Spitzel nicht bleiben und ins alte kann er nicht zurück, denn diese Welt existiert nicht mehr.

«Die Komödie hat sich bei dem Thema aufgedrängt», erzählt Micha Lewinsky. «Die verbissene Ernsthaftigkeit, mit der unbedeutende Informationen gesammelt wurden, hat ja etwas Groteskes. Die Vorstellung, dass sich seriöse Polizisten damals verkleidet und in die linke Szene geschlichen haben, hat mich amüsiert. Meist haben sie ja über­haupt nichts gefunden.»

Eine Schenkelklopf- Komödie ist es trotzdem nicht geworden. «Viele haben unter der Überwachung ja auch ganz handfest gelitten. Es war uns deshalb immer wichtig, die Figuren und ihre Beweggründe ernst zu nehmen. Auch diejenigen, die aus heutiger Sicht etwas schräg in der Landschaft stehen.» Für den verdeckten Ermittler gibt es auch ein reales Vorbild: Das Filmteam wandte sich bei seinen Recherchen an Willy Schaffner, der sich in den 80er-Jahren als junger Stadtpolizist mit langen Haaren und falschem Namen in die Jugendbewegung einschleuste und – nachdem er aufflog – Mühe hatte, wieder im normalen Leben Fuss zu fassen.

Der 47-jährige Micha Lewinsky, Sohn des Schriftstellers Charles Lewinsky und auch ein Kind des Kalten Kriegs, wurde selber fichiert – was ihn durchaus mit Stolz erfüllte. «Eine eigene Fiche zu haben, war wie ein Ritterschlag für einen braven Teenager wie mich. Der Eintrag selber verrät allerdings, dass ich kein grosser Revolutionär gewesen bin. Ich bin nur registriert worden, weil ich als Kind bei der sowjetischen Botschaft angerufen hatte. Ich wollte einen Vortrag über die Transsibirische Eisenbahn machen und dachte, die Russen könnten mir vielleicht einen Prospekt schicken.»

Weitere Informationen:
«Moskau Einfach» startet am 13.2.
in den Zürcher Kinos.

www.moskaueinfach.ch

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Leserkommentare

Konrad Lüthi - „Noch erstaunlicher ist aber eigentlich, dass die unter 40-Jährigen kaum davon gehört haben!" ... „Ich finde es wichtig, daran zu erinnern. Denn die Überwachung der Bevölkerung ist ja auch heute wieder ein grosses Thema." - Ja eben, gerade
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Vor 6 Monaten 2 Tagen  · 
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