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Kultur

Andreas Vollenweider ist nicht nur Musiker, sondern neu auch Autor. (Bild: vollenweider.com)

«Es geht um zentrale Fragen der Existenz»

Von: Reinhold Hönle

06. Oktober 2020

Der Zürcher Andreas Vollenweider (noch 66) veröffentlicht neben dem langerwarteten Album «Quiet Places» seinen ersten Roman «Im Spiegel der Venus».

Weshalb hat es bis zu Ihren neuen Veröffentlichungen fast zwölf Jahre gedauert?

Andreas Vollenweider: Das Album und das Buch waren schon länger fertig, aber dann ist Corona dazwischengekommen.

Da dürfte es aber noch andere Gründe gegeben haben.

Ich hatte vorher schon Musik für mindestens drei Alben aufgenommen. Schwierigkeiten mit meiner bisherigen Plattenfirma führten jedoch dazu, dass ich dieses Material bis 2017 nicht verwenden konnte. Danach kam ich beim Schreiben des Buchs in die Endphase und zog natürlich das zugehörige Album vor.

Ist das der Roman, von dem Sie mir schon 2009 bei der Veröffentlichung von «Air» erzählt hatten?

Genau. Das Album «Air» ist ähnlich entstanden wie «Quiet Places». Die Musik war immer mein Ventil während der Arbeit am Buch. Diese zog sich über 15 Jahre hin, da es von meinem Lebensthema handelt und das Schreiben ja nicht mein angestammtes Metier ist.

Ausgerechnet Sie, der es mit Instrumentalmusik zu Weltruhm gebracht hat, schreiben einen Roman. Ist er die Summe Ihrer nicht geschriebenen Songtexte?

(Lacht) Nein, ich hatte vorher schon viel geschrieben, tausende von Seiten. Es war eine erweiterte Form von Tagebuch. Es half mir meine Gedanken und Ideen zu ordnen, einen Überblick zu bekommen und grössere Gedankenbögen zu schlagen.

Die Musik stand nicht im Zentrum?

Nein, es gab seit meiner Kindheit einen Fragenkomplex, auf den ich nie eine Antwort erhalten hatte. Es klingt ein bisschen grossspurig, aber es geht um zentrale Fragen zur Existenz, die mich nicht losgelassen haben: Weshalb ist es, wie es ist? Wie wird es zu dem, was es ist? Mich hat die Anatomie der Wirklichkeit interessiert. Ist das, was ich als Wirklichkeit wahrnehme, wirklich die Wirklichkeit?

Was haben Sie herausgefunden?

Zuerst bin ich natürlich auf Kant gekommen. Der hätte gesagt: Vergiss es! Das ist deine Wirklichkeit. Sie wird von dir geschaffen, damit du sie überhaupt wahrnehmen kannst. Sie als gegeben und allgemeinverbindlich zu betrachten, entspricht der menschentypischen Vermessenheit zu meinen, dass wir das Mass aller Dinge sind. Das einzig Wirkliche ist das Jetzt, und die Musik repräsentiert dieses Jetzt am besten, denn wenn wir Musik machen oder hören, sind wir ganz im Jetzt. Ein gespielter Ton ist nicht mehr hörbar und ein noch nicht gespielter Ton noch nicht. Die Vergangenheit ist Erinnerung und die Zukunft ist Projektion.

 

 

Was ist der Unterschied zwischen Albumaufnahmen und Musik, die wir live hören?

Bei meinen «live@home»-Mini-Konzerten bin ich mir darüber wieder klar geworden: Es kommt nicht drauf an! Entscheidend ist, wie der Empfänger mit seinen eigenen Erfahrungen, Bildern und Gefühlen die Musik in genau diesem Moment wahrnimmt.

Wie ist es, wenn Sie Ihre eigenen Stücke hören?

Aufnahmen beurteile ich manchmal kritisch, aber während dem Spielen stelle ich den Verstand ab, da die Musik sonst zur Konstruktion wird. Dann würde fehlen, was mich ausmacht. Bei den Mini-Konzerten überlege ich vorher nicht, was und wie ich spielen werde. Es ist so intuitiv, dass ich mich manchmal später frage, wie ich das mit der linken und der rechten Hand überhaupt hinkriege? Ich komme mir dann wie der Tausendfüsslervor, der umfällt, wenn er sich überlegt, wann er den einen Fuss vor den anderen stellen muss.

Wann haben Sie beschlossen, Ihre Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit zu teilen?

Nachdem ich etwa 80 Seiten zu Papier gebracht hatte, dachte ich, dass daraus eine Geschichte werden könnte. Und da ich vorher schon Geschichtenerzähler und nicht Musiker gesagt hatte, wenn ich nach meinem Beruf gefragt wurde, lag der Gedanke für mich auch nicht so fern. Ich spürte gleichzeitig, dass ich das Buch nicht nebenbei schreiben konnte, sondern mich voll hineingeben musste, um meine eigene Sprache, meinen Stil und meine Bilder weiter zu entwickeln.

Weshalb spielt das Wunderkind Armando Hector Ruiz im Roman gerade Cello – wie Ihre kongeniale Partnerin auf dem Album?

Dieses Instrument hat mich immer unglaublich stark angesprochen. Ein Cello kann dich berühren und umarmen. Es hat so viele menschliche Qualitäten. Beim Klavier ist schon wieder ganz viel konstruiert und beim Gitarre spielen muss man sich oft überlegen, wo welcher Finger hingehört. Schlagzeug ist auf den Groove reduziert und eine Harfe erzeugt eine emotionale Landschaft. So war es für mich völlig klar, dass der Bub Cello spielen muss! (Schmunzelt)

Wie kam Ihre Zusammenarbeit mit der 33-jährigen deutschen Cellistin Isabel Gehweiler zustande?

Ursprünglich wollte ich das Album mit Daniel Pezzotti machen, mit dem ich 35 Jahre musiziert hatte, doch dann ist er leider schwer erkrankt und 2017 gestorben. Das hat mich sehr getroffen. Ich dachte schon, dass es wohl nicht sein sollte - bis ich Isabel Gehweiler kennenlernte, die in Zürich lebt und unterrichtet. Ich habe sie zu einem gemeinsamen Spiel eingeladen und wir merkten sofort, dass hier etwas sehr Aussergewöhnliches passiert.

 

 

Was?

Sie ist eine umwerfende Improvisatorin. Sie weiss immer genau, wo ich hinwill. Und ich weiss, wo sie hinwill. Unglaublich! Sie spielt Sounds auf dem Cello, die ich noch nie gehört habe. So ist ihr Spiel auch etwas zur Inspiration für Amando geworden.  

Auf «Entangled» und «Wandering» spielen Sie ebenso begeisternd Klavier wie sonst Harfe. Worauf führen Sie das zurück?

Zunächst freut mich dieses Kompliment sehr, da ich auf diesem Instrument nicht so selbstsicher bin, obwohl das Klavier seit meiner Kindheit das wichtigste Element meiner Überlebensstrategie war. Nach der Schule habe ich zuhause, nur für mich, stundenlang gespielt, um meine grenzenlose Langeweile während des Unterrichts zu vergessen.

Brauchten Sie wie Armando jemand, der Ihr Talent in der Öffentlichkeit präsentierte?

Der Roman hat autobiografische Stellen, aber er ist nicht autobiografisch, nicht einmal der Prolog - obwohl meine Lehrer auch über mich sagten, ich hätte zu viel Fantasie. Ich fragte mich schon damals, was das bedeutet. Kann man zuviel Fantasie haben? Ich bin in einem künstlerisch und spirituell sehr anregenden Umfeld aufgewachsen.

Wer war Ihr musikalischer Mentor?

Da hatte ich niemanden, weil ich zu eigensinnig war. Musikunterricht kam für mich auch nicht in Frage. Bei den wenigen Versuchen standen die Lehrer immer kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Und ich ebenfalls.

Welchen Einfluss hatte Ihr Vater, Hans Vollenweider, der einer der bedeutendsten Organisten seiner Zeit war?

Mein Vater hat mich, ohne dass er das gemerkt hätte, in die tieferen Schichten des Musikerlebens eingeführt. Hineingelockt. Für ihn gab es nur Musik. Und Humor. Wenn man zu ihm in Beziehung treten wollte, musste man mit ihm musizieren oder einen Witz machen. Manchmal habe ich mir schon gewünscht, er wäre mit mir Velofahren oder Fischen gegangen. Inzwischen bin ich vor allem froh, dass er mir gezeigt hat, wie man über die Musik Zugang zu den tieferen Schichten des Seins finden kann, da wir alle – ob wir es wollen oder nicht – spirituelle Wesen sind. Manche leben diese Seite, andere nicht. Wer das alles einfach als Esoterik abtut, tut mir am meisten leid.

 

 

Zur Person

Andreas Vollenweider wurde am 4. Oktober 1953 in Zürich geboren. Bereits ein Multiinstrumentalist begann er 1975 als Autodidakt auch Harfe zu spielen und entwickelte mit einer besonderen Spieltechnik eine eigene Klangwelt. Nachdem seine Musik von der amerikanischen Plattenindustrie entdeckt wurde, verkauften sich seine bisher 18 Alben über 15 Millionen Mal. 1987 wurde er für «Down To The Moon» als bis heute einziger Schweizer mit einem Grammy ausgezeichnet und später für zwei weitere nominiert. Ein World Music Award und ein Swiss Music Award für seine ausserordentlichen Leistungen zählen ebenfalls zu seinem Palmarès. Neben seinem hervorragenden neuen Album «Quiet Places» veröffentlicht er am 2. Oktober auch seinen ersten Roman «Im Spiegel der Venus» (Midas Verlag), welcher von der Musik als Brücke zwischen Naturwissenschaft und Spiritualität handelt. Vollenweider, der drei Kinder und zwei Enkel hat, lebt mit seiner Ehefrau Beata in Zürich.

 

Sie haben sich schon 1983 mit der Single «Pace Verde» für den Naturschutz engagiert. Wie denken Sie über die Fridays For Future Aktivisten?

Ich finde es gut, was die junge Generation macht. Sie hat eine Vision von einer Natur, die so berauschend, wunderbar und schön weiter existieren muss, und leistet deshalb sanften Widerstand.

Wie hoffnungsvoll sind Sie für die Zukunft Ihrer drei Kinder und zwei Enkel?

Ich glaube, dass ein Wandel bevorsteht. Die Enkel-Generation wird einen Weg finden, das zu erhalten, was dann noch steht, wenn sie die Verantwortung übernimmt. Dafür müssen wir die Leute demokratisch loswerden, die dumpf und uninspiriert sind. Die totalen Materialisten. Oder besser noch, wir müssen sie bei ihren Gefühlen abholen, sie mit positiven Bildern und Visionen ihrer eigenen Zukunft berühren, damit auch sie umdenken. Aber das wird nicht einfach.

Sehen Sie in jeder Herausforderung eine Chance, selbst in Corona?

Ja, neben den negativen Auswirkungen habe ich schon viele positive Aspekte erkennen können, im Emotionalen, Menschlichen, Sozialen. Zum Beispiel vermissen wir uns gegenseitig wieder ebenso wie die Nähe einer persönlichen Begegnung, und es wird uns bewusst, dass wir das vermissen. Besonders wichtig ist, dass wir endlich in unserem Wahn gestoppt werden, alles rational erklären zu können. Es steht ausser Frage, dass wir nur die Spitze des Eisbergs kennen und der grosse Rest uns immer verborgen bleiben wird. Die Lektion, die uns Corona lehrt, tut uns auch gut, obwohl sie hart ist.

Wie hat der Grammy, den Sie in jungen Jahren bekommen haben, Ihr Leben verändert?

Solche Auszeichnungen haben mich nie wirklich interessiert. Sie sind kein echter Massstab, wie sehr die Leute deine Musik lieben. Ich war sogar schon mal in einer Grammy-Jury und weiss, wie die Entscheidungen gefällt werden.

Sie haben 15 Millionen Alben verkauft. Sind Sie dabei nie kommerziellen Verführungen erlegen?

Also erstens waren da ja auch viele Familien, die über diese vierzig Jahre davon leben mussten. Und dann war ich zu eigenwillig, um so leicht verführt zu werden. Ausserdem habe ich ein Umfeld, dass mit mir gnadenlos den Spiegel vorgehalten hätte, wenn ich von meinem Weg abgekommen wäre. Es gab jedoch immer Versuche der Musikindustrie, mich Mainstream-kompatibler zu machen. So haben sie mir Stylistinnen auf den Hals gehetzt, die mit mir in teure Läden gingen, um mir schicke Anzüge zu kaufen. Ich sagte zu ihnen: «Ihr wisst aber, dass das jetzt Comedy ist?!»

Sie sind der Schweiz immer treu geblieben. Weshalb sind Sie aber nach 35 Jahren in Stäfa zurück nach Zürich gezogen?

Die Kinder waren ausgeflogen und wir brauchten eine Veränderung. Aussendem lieben wir Zürich, es ist eine fantastisch schöne Stadt. Es gibt für mich keinen schöneren Ausblick als von Quaibrücke über den See in die Berge oder die Limmat runter in Richtung Altstadt. Wenn ich dort durch die Gassen gehe, sehe ich auch immer meinen Vater vor mir, wie er mit seinen wilden Haaren von Bar zu Bar zog und dazwischen im Grossmünster die mächtige Orgel spielte.

So jemand war er? Und was für einer sind Sie?

Ich gehe praktisch nie in Bars! Ich trinke gerne mal ein Glas Wein oder ein Bier, aber nicht in den Mengen wie an diesen Orten. Ich mag diese Weinseligkeit und das Gelalle nicht. Das Leben ist zu kurz. In 13 Jahren bin ich 80! (Lacht)

Sind Sie zufrieden mit dem, was Zürich an Kultur bietet?

Kultur gibt es nie genug! Aber ich denke, dass die Stadt grundsätzlich auf einem guten Weg ist, doch fehlt ein Veranstaltungsort, auf den man wirklich stolz sein kann. Wenn ich am Kongresshaus vorbeifahre, denke ich immer «Hou, typisch Züri!».

Was würde Ihnen denn vorschweben?

Ein Raum wie das KKL, der gerade die richtige Grösse hat, hochwertig ist und wo stilistisch unterschiedlich Sachen möglich sind. Luzern war da mutiger.

 

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