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Kultur

Zum ersten Mal seit über zwanzig Jahren äussert sich Bruno Dössekker öffentlich über seine erfundene Autobiografie. Bild: PD

Gefangen im eigenen Leben

Von: Jan Strobel

10. November 2020

In «W. – Was von der Lüge bleibt» rollt Regisseur Rolando Colla die Geschichte des Täuschungs-Skandals um einen vermeintlichen Holocaust-Überlebenden auf. Morgen startet der Film in den Kinos.

Ein Mann erscheint, nur schemenhaft erkennbar, im Dunst. Er bewegt sich ungelenk im Wasser. Es ist fast wie in Goethes «Faust»: «Ihr naht euch wieder, schwankende Gestalten, die früh sich einst dem trüben Blick gezeigt.» Diese schwankende Gestalt, die sich im meisterhaften Dokumentarfilm «W. – Was von der Lüge bleibt» langsam der Zueignung durch das Publikum öffnet, sie hat eigentlich keine Identität. Oder wenn sie eine hat, dann ist sie bewohnt von Dämonen, gefesselt durch die dunkle, zerstörerische Kraft des Unbewuss­ten, zerteilt in fast unerklärbare Realitäten.

Vom Opfer zum Täter
Der Mann heisst Bruno Dössekker, er heisst aber auch Bruno Grosjean und vor allem heisst er: Binjamin Wilkomirski. Unter diesem Namen wurde er weltberühmt, er löste eine ungeheure Betroffenheit aus, eine Anteilnahme und menschliche Verbundenheit. Denn Binjamin Wilkomirski, geboren 1939 im lettischen Riga, hatte als jüdisches Kind, völlig auf sich allein gestellt, die KZs Majdanek und Auschwitz überlebt. Das KZ, sollte Wilkomirski später schreiben, «war ein Ort, an dem alles endet, wo diese Welt aufhört, diese Welt zu sein». Diese Zeilen schrieb er in seiner Autobiografie «Bruchstücke», die 1995 im Jüdischen Verlag bei Suhrkamp erschien.

Das Buch begeisterte die Kritik. Als «eines der grossen Werke über den Holocaust» feierte es etwa der britische «Guardian»; und die NZZ konstatierte: «‹Bruchstücke› hat das Gewicht des Jahrhunderts.» Das «Magazin» befand, der Autor habe mit seinen Erinnerungen «endlich zu sich selber gefunden». Es folgten zahlreiche Übersetzungen, Wilkomirski wurde zu Lesungen geladen, er referierte vor Schulklassen als Holocaust-Überlebender, Dokumentarfilme wurden über ihn gedreht. Die Auszeichnungen folgten auf dem Fuss. Der damalige Zürcher Stadtpräsident Josef Estermann überreichte dem Gefeierten den Kulturpreis der Stadt Zürich.

Drei Jahre später, 1998, folgte der Schock. Denn Binjamin Wilkomirski war eine Fantasiegestalt, gleichsam ein Alter Ego, das sich ein gewisser Bruno Dössekker, Musiklehrer und Klarinettenbauer, aufgewachsen auf dem noblen Zürichberg, in seiner Seele erschaffen hatte. Majdanek und Auschwitz kannte er nur als Tourist. Entlarvt hatte ihn der Zürcher Journalist Daniel Ganzfried in einem Artikel für die «Weltwoche».

Bruno Dössekker, der unbedingt ein Opfer sein wollte, wurde nun zum amoralischen und vermessenen Täter, zum psychisch gestörten Antisemiten, welcher nicht nur das Judentum stereotypisierte und imitierte, sondern mit seinen Auftritten das Leid der wahren Opfer verhöhnte.

Diese unfassbare Geschichte hat Regisseur Rolando Colla für seinen Dokumentarfilm minutiös mit all den involvierten Protagonisten noch einmal aufgearbeitet. Zum ersten Mal seit dem Auffliegen des Skandals vor über zwanzig Jahren kommt auch Bruno Dössekker, der sich in dieser Zeit völlig isoliert hat, wieder aus seinem Schweigen heraus. Mit diesem Film schwebt eine zentrale und überaus gewichtige Frage im Raum: Identifiziert sich die Gesellschaft zu leichtgläubig mit Opfern? Gerade das Versagen der Medien, aber auch des Verlags, welche die Wilkomirski-Legende völlig unkritisch übernahmen, spricht schliesslich Bände.

Es ist ein Verdienst von Rolando Colla, dass er es sich bei der Untersuchung des Falls nicht zu einfach macht, sondern in die Tiefe geht, hinab in die tiefsten Seelenabgründe. Er versucht, der Person des Bruno Dössekker und seiner Motivation hinter der Lüge nahezukommen. Er verortet sie auch in einer gebrochenen Biografie. Bruno Dössekker wuchs zunächst als Bruno Grosjean in Nidau bei Biel auf. Als Kind erlebte er Verwahrlosung und Gewalt, seine leibliche Mutter hatte er nie gekannt, wurde von seiner Pflegefamilie «gehalten wie ein Tier», bis er in ein Waisenhaus kam und schliesslich vom Zürcher Ärztepaar Dössekker adoptiert wurde. Über die Vergangenheit wurde auf dem Zürichberg nie gesprochen. Seine Identität war ein nebliges Nichts.

Die Figur des Binjamin Wilkomirski, die als Traumgebilde heranwuchs, sollte das ändern. «Ein misshandeltes Kind», sagt Dössekker im Film, «ist ein misshandeltes Kind, ob in einem Lager oder in einem zweifelhaften Waisenhaus in der Schweiz. Das Leiden ist dasselbe, die Traumatisierung ist dieselbe.» Der Holocaust, das KZ, sie dienten ihm als Kulissen, in die er seine Traumata stellte. An der Lüge hält er bis heute zumindest teilweise fest, er lässt sie sich nicht nehmen. «Ich bin Jude, ich fühle nur so. Denn wo dein Herz ist, da ist die Wahrheit. Dort musst du bleiben.»

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