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Kultur

Elsbeth von Oye, Nonne im Zürcher Kloster Oetenbach, beschrieb in ihren Texten die Qualen, die sie sich mit Geisseln selbst zufügte. Damit wollte sie Jesus möglichst nahekommen.Bild: Wroclaw University Library

Mächtige Bräute Christi

Von: Isabella Seemann

19. Mai 2020

Lange waren die Leistungen der Frauenklöster verkannt. Die Schau «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter» im Landesmuseum erzählt, wie geistliche Frauen die Geschichte nachhaltig prägten. 

Zürich, um 1300: Mit sechs Jahren stand Elsbeth Stagel, die Tochter eines Zürcher Ratsherrn, der am Rindermarkt im Niederdorf eine Metzgbank besass, vor der Pforte des Dominikanerinnenklosters Töss in Winterthur. Für das kleine Mädchen war es ein Schicksalstag: Sie wurde für immer dem Kloster als «puella oblata», als geschenktes Mädchen, übergeben. Elsbeth Stagel sollte Nonne werden.

Aus heutiger Sicht klingt dieser Lebensplan für ein Kind ziemlich düster. Doch im Mittelalter war ein solcher Weg nichts Ungewöhnliches. Und im Fall der kleinen Elsbeth entpuppte sich die Übergabe als Segen – für das Mädchen und für die europäische Kultur: Elsbeth Stagel erhielt Bildung, arbeitete in der Schreibstube, wo sie Bücher kopierte, begegnete ihrem Mentor, dem Dominikaner Heinrich Seuse, mit dem sie fortan eine tiefe Freundschaft verband, unterstützte ihn bei der deutschen Herausgabe seiner mystischen Niederschriften und verfasste schliesslich das Schwesternbuch mit, das anderen Ordensfrauen den Weg zu Gott erläuterte.

Im Schutz des Ordens wuchs sie zu einer der ersten Autorinnen der Schweiz heran. «Im Mittelalter konnte das klösterliche Gelübde auch Frauen das Tor zu Karrieren öffnen, die sonst undenkbar gewesen wären», erklärt die Kunsthistorikerin Christine Keller. Die von ihr kuratierte Ausstellung «Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter», die noch bis zum 16. August im Landesmuseum zu sehen ist, dokumentiert die vergangene Welt des klösterlichen Lebens geistlicher Frauen jenseits von Klischees.
Denn allzu lange wurde die Leistung der Frauenklöster verkannt. Konvente galten als Abstellorte für «überflüssige» weibliche Mitglieder der Gesellschaft, als geistiges Zuchthaus.

Sicherheit und Bildung
Die neuere Forschung widerlegt jedoch dieses Bild. «Frauenklöster boten den Frauen Sicherheit und Bildung», sagt Christine Keller. «Damit war die Basis gelegt, ein selbstbestimmtes Leben zu führen.» Die Frauenklöster pflegten rege Beziehungen zu Königen, Adligen oder Bischöfen und waren so eng mit dem politischen Geschehen verknüpft. «Die Äbtissinnen waren nach heutigem Sprachgebrauch Managerinnen eines KMUs, das oft über weitreichenden Grundbesitz verfügte und ganze Regionen mit Nahrung und Gütern versorgte. Als Kultur- und Bildungszentren bewahrten und vermittelten sie Wissen der Antike, trieben selbst Forschung und schufen Handschriften und Kunstwerke, die noch heute staunen lassen.»

Anhand von wertvollen Exponaten unter anderem aus der Bibliothek in Limoges oder dem Germanischen Nationalmuseum zeigt die Ausstellung beispielhaft das Leben und Wirken von 15 geistlichen Frauen auf, die mit ihrer starken Persönlichkeit die Geschicke und die Geschichte des Klosters und seiner Umgebung nachhaltig prägten, in Frankreich, Italien, in Deutschland und in der Schweiz. Darunter auch vier bedeutende Zürcherinnen. Im 13. Jahrhundert zeugen Münzen von der Macht von Elisabeth von Wetzikon (1235 bis 1298), die als Äbtissin des Fraumünsters zu den einflussreichsten Frauen ihrer Zeit gehörte. Als Stadtherrin von Zürich und Reichsfürstin hatte sie das Münz-, Mass- und Zollrecht inne, amtete als oberste Richterin und verwaltete die umfangreichen Ländereien der Fraumünsterabtei, die sich bis in die Innerschweiz erstreckten. Mit dem Münsterhof gestaltete sie einen repräsentativen Platz, auf dem sie sich auch für den Empfang des Königs Rudolf I. von Habsburg wirkungsmächtig inszenieren konnte. «Elisabeth von Wetzikon muss eine sehr selbstsichere und selbstbewusste Frau gewesen sein, die das Kloster in eine prosperierende Zukunft führte», sagt Kuratorin Christine Keller.

Die «starken Frauen des Mittelalters» bestechen jedoch mit ganz unterschiedlichen Merkmalen. Die Zürcherin Elsbeth von Oye (um 1280 bis um 1350), eine einfache Nonne im Kloster Oetenbach, übte sich – für moderne Augen mag das bizarr erscheinen – in Büssungen und hartem Kasteien. In ihren tagebuchartigen Texten beschrieb sie die Qualen, die sie sich mit Geisseln selbst zufügte, um damit Jesus möglichst nahezukommen.

Katharina von Zimmern, die letzte Fraumünster-Äbtissin, war schliesslich mit Zwinglis Reformation konfrontiert. 1524 musste sie das Kloster der Stadt Zürich übergeben. Auch andere Frauenklöster in reformierten Gegenden gingen ihrem Ende entgegen. Die Gemeinschaften wurden aufgelöst, die Gebäude umgenutzt oder vielfach völlig zerstört, die kostbare Ausstattung in alle Welt verstreut.

Weitere Informationen:
«Nonnen. Starke Frauen im Mittelalter», bis 16. August im Landesmuseum Zürich

www.landesmuseum.ch

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