Watschelndes Sextett
ZOO INTERN Alle zwei Wochen berichtet das «Tagblatt» über Neues und Wissenswertes aus dem Tiergarten. Heute geht es um einen bemerkenswerten Bruterfolg bei den Königspinguinen. - Von Severin Dressen
ZOO INTERN Alle zwei Wochen berichtet das «Tagblatt» über Neues und Wissenswertes aus dem Tiergarten. Heute geht es um einen bemerkenswerten Bruterfolg bei den Königspinguinen. - Von Severin Dressen
Es ist ein Anblick mit Seltenheitswert: Sechs Küken tummeln sich derzeit inmitten der Königs-pinguin-Kolonie. Das ist aussergewöhnlich. In vielen Zoos sind es meist nicht mehr als ein bis zwei Jungtiere pro Brutsaison. Unseren Kurator haben bereits Anfragen erreicht, wie wir diesen Erfolg zustande gebracht haben. Fakt ist: Unser Lebensraum für die Pinguine ist nicht mehr der allerneuste. Zudem gelten gerade Königspinguine als eher schreckhafte Tiere, die sensibel auf Störungen reagieren. Und Störungen gab es. Direkt neben den Pinguinen wird die Pantanal Voliere gebaut. Das geht nicht ohne Lärm. Zudem läuft aktuell ein Forschungsprojekt, für das es notwendig ist, den Tieren Blut abzunehmen.
Auf das Brutgeschehen der Pinguine hatte all dies aber offensichtlich keinen Einfluss, wie die rekordverdächtigen sechs Küken beweisen. Was also ist das Geheimnis hinter dem Erfolg? Unsere Tiere sind kompetent oder vereinfacht gesagt: es ist den Pinguinen einfach total egal, was um sie herum läuft, sie fühlen sich – bitte entschuldigen Sie den Ausdruck – einfach sauwohl. Trotz Baulärm. Trotz laufender Studie. Trotz einem in die Jahre gekommenen Lebensraum.
Dass unsere Tiere kompetent sind, ist der sehr guten und sehr leidenschaftlichen Arbeit unseres Tier-pflege-Teams zu verdanken. Diese geht weit über die Bereitstellung von Futter und die korrekte Regulierung der Temperatur hinaus – das sind Selbstverständlichkeiten. Das Team dreht immer und ständig an vielen kleinen Stellschrauben, stets mit dem Ziel, den Tieren die bestmöglichen Bedingungen unter den gegebenen Umständen zu ermöglichen. Dazu gehört beispielsweise auch Eustress zu erzeugen. Es ist der Fachbegriff für kurze, vorbeigehende Stressmomente, die es auch in der Natur gibt und die sich erwiesenermassen positiv aufs Tierwohl auswirken – quasi die vorbeifliegende Möwe, der kurze Schneesturm, die Sichtung eines Orcas in der Ferne. Das Gegenteil von Eustress ist Disstress – dauerhafter Stress, der immer negativ ist und den es zu vermeiden gilt.
Aber was genau erzeugt nun positiven Eustress? Ein Beispiel: Beim Hantieren in der Fischküche steht immer die Tür zur Pinguinanlage offen. Die Tiere hören, dass da etwas passiert, sie können auch in der Küche vorbeischauen. Sie stehen aber nicht im Fokus, werden nicht gross beachtet. Das vermittelt ihnen: ok, hier läuft was, das ist aber nicht schlimm, das muss mich nicht stressen – eben wie die vorbeifliegende Möwe auch einfach passiert.
Durch viele solcher und ähnlicher Momente sind die Pinguine sehr entspannt. Dadurch können sie sich voll und ganz auf ihr Leben als Pinguin konzentrieren. Auf die Balz, die Fortpflanzung und auf das Brutgeschäft – und das machen sie. Die Tiere leben in ihren natürlichen Sozialstrukturen und suchen sich ihre Partner selbst. Jede Brut ist eine Naturbrut. Handaufzuchten gibt es nicht. Sechs Küken sind also kein Wunder, sondern eine Frage der Haltung – im wahrsten Sinne des Wortes.
Weitere Informationen:
www.zoo.ch
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