Flugakrobat mit Rüssel
STADTTIERE Es beherrscht den Schwirrflug wie ein Kolibri, fliegt rückwärts und reist Tausende Kilometer. Das Taubenschwänzchen zählt zu den spektakulärsten Insekten, die in Zürich zu beobachten sind. - Von Isabella Seemann
STADTTIERE Es beherrscht den Schwirrflug wie ein Kolibri, fliegt rückwärts und reist Tausende Kilometer. Das Taubenschwänzchen zählt zu den spektakulärsten Insekten, die in Zürich zu beobachten sind. - Von Isabella Seemann
Ein Kolibri in Zürich? An warmen Sommertagen kann man für einen kurzen Moment tatsächlich daran glauben. Vor dem Sommerflieder verharrt ein exotisch anmutendes Wesen im Schwirrflug, steckt seinen langen Rüssel tief in den Blütenkelch, wenige Sekunden nur, und schiesst bereits zur nächsten Blüte weiter.
Nein, es ist kein Kolibri, sondern ein Schmetterling. Wenn auch ein ziemlich massiger, der voller Superlative steckt. Das Taubenschwänzchen gehört zu den faszinierendsten Insekten, die sich in der Stadt beobachten lassen.
Das dreifarbige Haarbüschel am Hinterleib gab ihm seinen Namen, es erinnert an die Schwanzfedern einer Taube. Mit einer Flügelspannweite von vier bis fünf Zentimetern zählt es zu den grösseren Schwärmern. Seine gräulich braune Färbung ist unscheinbar. Erst im Flug zeigt sich das aussergewöhnliche Talent.
Bis zu 80 km/h schnell
Bis zu 90 Flügelschläge pro Sekunde ermöglichen dem Taubenschwänzchen den charakteristischen Schwirrflug. Es erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern, fliegt rückwärts und wechselt abrupt die Richtung. Diese Flugakrobatik kennt man sonst von Kolibris. Weil diese ausschliesslich auf dem amerikanischen Kontinent vorkommen, gilt das Taubenschwänzchen quasi als europäischer Kolibri. Im Volksmund heisst er auch Kolibrifalter.
Besonders beeindruckend ist sein bis zu drei Zentimeter langer Saugrüssel. Schon im Anflug fährt der Falter ihn aus und führt ihn zielsicher in den Blütenkelch. Schwankt die Blüte im Wind, gleicht er die Bewegung mühelos aus. Er landet fast nie, das wäre Zeit- und Energieverschwendung. Stattdessen saugt er den Nektar im Flug und besucht innert weniger Minuten zahlreiche Blüten. Dabei überträgt er Pollen und leistet als Bestäuber einen wichtigen Beitrag.
Auch Zürich bietet dem Taubenschwänzchen gute Lebensbedingungen. Obwohl es zu den Nachtfaltern gehört, ist es tagsüber aktiv. Besonders häufig lässt es sich auf blütenreichen Balkonen, in naturnahen Gärten und Parks beobachten. Es bevorzugt blaue und rotviolette Blüten mit langen, engen, nektarreichen Kelchen, wo weniger Konkurrenz herrscht. Wer Sommerflieder, Lavendel, Petunien oder Fuchsien pflanzt, erhöht die Chancen auf Besuch deutlich. Selbst mitten in dicht bebauten Wohnquartieren taucht er dann auf. Das Taubenschwänzchen hat ein gutes Gedächtnis und kehrt immer wieder zu besonders ergiebigen Nektarquellen zurück.
In der Schweiz treten die Falter vor allem von Mitte Juli bis September gehäuft auf. Es lohnt sich derzeit also, die Augen offen zu halten. Selbst bei Regen ist das Taubenschwänzchen im Gegensatz zu vielen anderen Insekten aktiv. An besonders heissen Tagen meidet es die Mittagszeit und fliegt vor allem morgens und in den Abendstunden bis in die Nacht hinein.
Ab in die Wärme
Die Raupen stellen ganz andere Ansprüche. Sie benötigen vor allem Labkräuter, deren Blätter ihnen als Nahrung dienen. Lange galt die Art in der Schweiz als seltener Sommergast aus dem Mittelmeerraum. Erst seit der Jahrtausendwende hat sie sich ausgebreitet. Tatsächlich legen die nur 0,3 Gramm schweren Tiere erstaunliche Distanzen zurück. Im Frühling ziehen sie von Südeuropa oder Nordafrika über die Alpen nach Norden, die ganz wagemutigen bis nach Skandinavien. Dabei bewältigen sie bis zu 3000 Kilometer in zwei Wochen. In ihren Sommerquartieren pflanzen sie sich fort. Je nach Bedingungen vor Ort entstehen pro Jahr mehrere Generationen. Das Taubenschwänzchen gehört zu den wenigen europäischen Schmetterlingen, die als ausgewachsener Falter überwintern können. Strengen Frost übersteht es allerdings nicht. Deshalb fliegen viele im Herbst wieder südwärts. Inzwischen überwintern einzelne Exemplare jedoch immer häufiger auch in Mitteleuropa, etwa in gut geschützten Nischen wie Mauerspalten. Mildere Winter begünstigen diese Entwicklung.
Auch ein Taubenschwänzchen braucht hin und wieder eine Pause. Dann sitzt es mit schräg nach hinten angelegten Flügeln da und erinnert verblüffend an einen kleinen Miniatur-Tarnkappenbomber. Bevor es wieder abhebt, bringt es seine Flugmuskeln durch kräftiges Vibrieren auf Betriebstemperatur. Nach ein bis zwei Minuten schwirrt es erneut los und versetzt die Menschen in Staunen.
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