Die Schweizer Krankheit
Im 17. Jahrhundert galt das Heimweh als ernstzunehmende, ja lebensgefährliche Krankheit. Nirgends schien sie so häufig aufzutreten wie bei den Schweizern. - Von Jan Strobel
Heimweh nach den Bergen: Das Tal von Chamonix in einer Darstellung um das Jahr 1852. Bild: ETH-Bibliothek, alte und seltene Drucke
Im 17. Jahrhundert galt das Heimweh als ernstzunehmende, ja lebensgefährliche Krankheit. Nirgends schien sie so häufig aufzutreten wie bei den Schweizern. - Von Jan Strobel
Manche jungen Schweizer Männer, die als Söldner in fremden Armeen und in ebenso fremden Weltgegenden dienten, schien eine merkwürdige Stimmung zu erfassen, sobald sie die ersten Takte des Melklieds «Kuhreihen» hörten. Es überfiel sie eine anhaltende Traurigkeit, lagen in der Nacht wach, beherrscht von einer Unruhe. Sie assen und tranken nicht mehr oder wurden von einem Fieber geschüttelt. Viele dachten gar ans Desertieren. Der «Kuhreihen» drohte die Streitkräfte zu schwächen. Europäische Armeen untersagten das Spielen des Lieds – unter Todesstrafe.
Einer, den diese mysteriösen Seelenkämpfe besonders beschäftigte war der Arzt Johannes Hofer. In seiner Dissertation an der Universität Basel führte er im Jahr 1688 einen Begriff für das Leiden der Söldner ein: «Heimweh» oder «Nostalgie». Für Hofer war das Heimweh eine potenziell tödlich verlaufende Krankheit, ausgelöst durch das Losgerissensein von der gewohnten Umwelt. Linderung verschaffen sollten warme Bäder, Aderlass, Quecksilber oder Arsen, kombiniert mit Bewegung an der frischen Luft und angenehmen Gesprächen. Als ultimativ letzte Massnahme kam nur die Rückkehr in die Heimat in Frage, gerade für Söldner war das allerdings kaum möglich.
Heimweh avancierte rasch zu einem typisch schweizerischen Phänomen, «Schweizerheimweh» oder «Mal du Suisse» genannt. Auch der Zürcher Arzt und Naturforscher Johann Jakob Scheuchzer (1672– 1733) befasste sich mit der «Krankheit». Für Scheuchzer lag dem Leiden allerdings eine ganz andere Ursache zugrunde. Schuld am quälenden Heimweh war für ihn der höhere Luftdruck in flachen Ländern. Dies behindere die Blutzirkulation der Schweizer, die die «obersten Gipfel von Europa» bewohnen. Heilung versprach sich der Zürcher Arzt nur durch den Transport der Kranken in höhere Lagen – am besten hinauf in die Schweizer Alpen.
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