Vor der Dosensuppe gerettet
1954 sorgte eine aussergewöhnliche Osteraktion landesweit für Aufsehen: Die Migros verkaufte Schildkröten, die Gottlieb Duttweiler vor dem Tod gerettet hatte. - Von Isabella Seemann
Schildkrötenverkauf durch die Migros 1954. Bild: MGB-Archiv
1954 sorgte eine aussergewöhnliche Osteraktion landesweit für Aufsehen: Die Migros verkaufte Schildkröten, die Gottlieb Duttweiler vor dem Tod gerettet hatte. - Von Isabella Seemann
Noch bis in die 1980er Jahre galt Schildkrötensuppe, mit Madeira oder Sherry verfeinert, als ausgesuchte Delikatesse. Einst auf royalen Tafeln serviert, fand die «Königin der Suppen» mit der Erfindung der Konservendose den Weg in bürgerliche Haushalte und avancierte zum beliebten Auftakt eines festlichen Menüs.
Im Frühjahr 1954 ereignete sich in der Schweiz ein Vorfall, der dieser kulinarischen Tradition eine eigentümliche Episode hinzufügte. Tausende Landschildkröten aus dem Mittelmeerraum, in Kisten verladen und für die industrielle Verarbeitung bestimmt, strandeten auf ihrem Transport von Jugoslawien in Richtung einer europäischen Lebensmittelfabrik in Zürich. Die Versorgung stockte, die Tiere drohten zu verenden. Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler erfuhr davon, kaufte die Reptilien kurzerhand und liess sie über seine Läden und Verkaufswagen vertreiben.
«5000 Schildkröten vor der Suppe gerettet!», titelte der «Brückenbauer» am 9. April 1954 und kündigte in Inseraten an: «Osterüberraschung für die kleinen und grossen Tierfreunde. Lebende Schildkröten». Kleine Exemplare kosteten drei Franken, grosse fünf. Vor den Filialen, etwa am Limmatplatz, bildeten sich lange Reihen. Aus hygienischen Gründen bot man die «Gemüts-Athletchen» im Freien an. Die Nachfrage erschöpfte das Angebot innert Stunden. Ein exotisches Tier im eigenen Garten galt als Sensation, zumal die Preise deutlich unter jenen im Fachhandel lagen.
Die Migros verband den Verkauf mit Instruktion. Ein Merkblatt erklärte Fütterung, Haltung und Überwinterung, der «Brückenbauer» publizierte fortlaufend ergänzende Hinweise. Die Rettung sollte Bestand haben.
Die langlebigen Reptilien fanden ein liebevolles Zuhause, wurden über Generationen weitergegeben und leben teilweise bis heute. Die Weibchen legten im Frühsommer regelmässig ihre Eier.
Lade Fotos..