Wildes Treiben in der FKK-Zone?
Die Werdinsel ist nicht der einzige Nacktbereich in der Stadt, in dem es zu unsittlichem Verhalten kommt. Nudisten verteidigen die FKK-Bereiche. Die Behörden fordern mehr Rücksichtnahme. - Von Clarissa Rohrbach
Mit Tafeln ruft die Stadt die Nacktbadenden im FKK-Bereich der Werdinsel zur gegenseitigen Rücksichtnahme auf. Bild: Grün Stadt Zürich
Die Werdinsel ist nicht der einzige Nacktbereich in der Stadt, in dem es zu unsittlichem Verhalten kommt. Nudisten verteidigen die FKK-Bereiche. Die Behörden fordern mehr Rücksichtnahme. - Von Clarissa Rohrbach
Die Nacktbadenden auf der Werdinsel sorgen in Höngg für rote Köpfe. Kürzlich haben Nachbarn anonym eine Petition lanciert, um den FKK-Bereich zu schliessen («Tagblatt» vom 16. Juni). Man habe mehrfach sexuelle Handlungen beobachtet, das sei in der Öffentlichkeit nicht zu tolerieren. Die Badegäste seien «fast nur Männer», die zum Teil von weit her anreisen, was auch für eine angespannte Verkehrssituation sorge. Die Atmosphäre im Nacktbereich sei ausschliessend, Familien würden diesen meiden. Zudem sei es zu Belästigungen gegenüber Frauen gekommen. «Es zeigt sich, dass sich die negativen Auswirkungen der Nacktszene nicht in den Griff bekommen lassen», steht in der Petition, die an die Stadtpräsidentin, die Polizeivorsteherin und den Gemeinderatspräsidenten gerichtet ist.
Die Nudisten wehren sich jetzt. So hat der 50-jährige Marko Weiss eine Gegenpetition zur Beibehaltung des FKK-Bereichs auf der Werdinsel lanciert. «Es ist ein sicherer Ort für Menschen aus dem Regenbogen-Spektrum, die anderswo Ausgrenzung und Beschämung ausgesetzt sind», sagt er. Sie nutzten die Insel, um sich selbst zu sein, den Tag zu geniessen und zu baden. Das seien Aktivitäten, die für Menschen, die nicht dem binären Geschlechtssystem oder deren Körper nicht den gesellschaftlichen Vorstellungen entspricht, nicht selbstverständlich. Laut Marko Weiss liegt die Quote der Badegäste, welche die Werdinsel als Ort für zwangslosen Sex benutzten, bei einem Prozent. Die Handlungen würden meist im Verborgenen stattfinden. Doch er räumt ein, dass es vorkommen könne, dass ein «notgeiler Trottel» sich vor einer Frau befriedige.
Laut Stadtpolizei ist Sex im Freien nicht verboten, ausser es kommt zu Anzeigen. Seit 2022 wurden fünf Anzeigen wegen Exhibitionismus auf der Werdinsel erstattet. Die Behörden wissen schon lange, dass es im FKK-Bereich der Werdinsel zu Sex kommt. So hat die Stadt zusammen mit dem Verein HAZ-Queer Zürich im Jahr 2015 Schilder aufgestellt, um die Nacktbadenden zu mehr Rücksicht aufzufordern. Erste Plakate gab es bereits 2006. Darauf stand: «Auf der Werdinsel gibt’s keinen öffentlichen Verkehr». Seit dem Jahr 2018 wird zudem das sogenannte «Bums-Wäldchen» von Grün Stadt Zürich gerodet, um Sex zu unterbinden. «Das Nebeneinander auf der Werdinsel funktioniert seit Jahren mehrheitlich gut», sagt Markus Gamper, Sprecher von Grün Stadt Zürich. Die Beschilderung soll so bestehen bleiben, da sie «zielführend» sei. Alexander Jäger, Präsident des Quartiervereins Höngg, sagt gegenüber «Tsüri», der Nacktbadebereich sei gut gekennzeichnet und stelle kein Problem für die Mehrheit der Höngger dar.
Die Werdinsel ist nicht der einzige Nacktbereich in Zürich, an dem es zu sexuellen Handlungen kommt. Auf der FKK-Männerterrasse der Badi Tiefenbrunnen spielt sich ähnliches ab. Im Jahr 2012 berichtete das «Tagblatt» über Gäste, die zu intim wurden. Das Treiben gab dem Sportamt derart zu denken, dass es eine vorübergehende Schliessung der Terrasse erwog. Herrmann Schumacher, damaliger Chef der Badeanlagen, sagte: «Teilweise ging es richtig zur Sache.» Nachdem das Sportamt Schilder aufstellte, welche die Gäste zu gebührlichem Benehmen aufforderte, beruhigte sich die Situation.
Heute kommt es aber immer noch ab und an zu Sex auf der FKK-Männerterrasse. «In der Regel halten sich die Gäste an die geltenden Regeln, wobei einzelne Vorfälle nicht ausgeschlossen werden können», sagt Philipp Buchelt, stellvertretender Abteilungsleiter der Bade- und Eisanlagen der Stadt Zürich. In Fällen von Verstössen werde umgehend das Gespräch mi den betroffenen Personen gesucht und konsequent gehandelt. Das Personal sei geschult und überwache die Situation.
Auch in der Badi am Katzensee wurde in der Vergangenheit in der FKK-Zone unsittliches Verhalten beobachtet. Pia Meier, Präsidentin des Quartiervereins Affoltern, erzählt, dass sich dort nackte Männer den anderen Badegästen präsentierten. Deswegen sei es zu vielen Beschwerden gekommen. 2010 habe man dann eine Sichtschutzwand montiert. «Mit der Wand sieht man die Nacktbadenden nicht, das hat das Problem gelöst», sagt Pia Meier. Dass es zu sexuellen Handlungen kommt, glaubt sie nicht.
Der Verein HAZ–Queer Zürich meint, gegen Belästigungen im FKK-Bereich müsse ganz klar vorgegangen werden. Das Nacktsein führe aber nicht automatisch zu Belästigungen, ist Co-Präsident Dominik Steinacher überzeugt. «Man muss das auseinander halten.» Der Inselspitz sei eine Oase, wo queere Menschen unter sich sein könnten. Diese habe für schwule Männer eine zentrale Rolle gespielt in einer Zeit als rechtliche Lage noch eine andere war. Das sogenannte «Cruising», bei dem man Sex im Versteckten hatte, sei zurückzuführen auf die Diskriminierung von früher. «Ein Verbot würde die Verdrängung der queeren Community bedeuten», sagt Steinacher. Er zitiert die Stadtpolizei und ist der Meinung, dass die fünf Anzeigen in den letzten drei Jahren keinen Grund für die Schliessung des Nacktbereichs seien.
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