«Jedes Kind ist anders»
Für abertausende Zürcher Kinder ging am Montag die Schule los. Bildungsdirektorin Silvia Steiner über Herausforderungen, Integration und elterliche Mitsprache. - Von Ginger Hebel
Bildungsdirektorin Silvia Steiner besucht eine 1. Klasse der Volksschule am ersten Schultag im Kanton Zürich. Bild: Marion Nitsch/Lunax
Für abertausende Zürcher Kinder ging am Montag die Schule los. Bildungsdirektorin Silvia Steiner über Herausforderungen, Integration und elterliche Mitsprache. - Von Ginger Hebel
Am Montag erlebten 15 500 Kinder im Kanton Zürich ihren ersten Schultag. Mit dem Besuch des ersten Kindergartenjahres machen sie den ersten Schritt auf ihrem Weg durch die Volksschule.15 800 Kinder kamen in die 1. Klasse. Aktuell besuchen 162 800 Schülerinnen und Schüler eine öffentliche Regelschule, einen Kindergarten oder eine Primar- oder Sekundarschule. In der Stadt Zürich sind es 36 700. Kurz vor dem Schulstart konnte für nahezu alle 8238 Schulklassen im Kanton Zürich eine Klassenlehrperson gefunden werden. Ein Grund dafür ist das geringere Schülerwachstum. Waren es im vergangenen Jahr 100 zusätzliche Klassen, mussten dieses Jahr nur 20 zusätzliche Klassen eröffnet werden.
Wie steht es um die Zürcher Volksschule?
Silvia Steiner: In den letzten Jahren haben uns die stark steigenden Schülerzahlen gefordert. Es ist sehr erfreulich, dass die Schulen für das neue Schuljahr fast alle Stellen besetzen konnten. Die hohen Studierendenzahlen an der Pädagogischen Hochschule Zürich zeigen auch, dass das Interesse am Lehrberuf gross ist. Ein wichtiges Thema in den Schulen ist auch die Digitalisierung. Da stellen sich viele Fragen: Wie sollen die neuen Technologien im Unterricht eingesetzt werden? Wie lernen die Kinder und Jugendlichen den sinnvollen Umgang mit digitalen Medien? Und wie arbeiten Schulen und Eltern zusammen? Ich denke zum Beispiel an den Handygebrauch. Da sind klare Regeln und eine gute Absprache wichtiger als ein generelles Verbot. Im Kanton Zürich regeln die Schulen den Umgang mit dem Handy im Rahmen von Haus- und Schulordnungen selbstständig. Das ist auch richtig so.
Der Kanton Zürich hat auf die Integrative Förderung auf allen Stufen umgestellt. Kritiker erkennen Schwächen des Systems. Lehrpersonen seien mit Koordinations- und Administrationsaufwand belastet, in den Klassen sei eine Unruhe spürbar. Kann die Schule den Anforderungen von Kindern mit besonderen Bedürfnissen überhaupt gerecht werden?
Integration ist nicht freiwillig, sondern ein Verfassungsauftrag – auch für die Schule. In den meisten Fällen gelingt die Integration. Sie darf aber nicht um jeden Preis erfolgen. Die Kinder mit ihren individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen müssen im Zentrum stehen.
Viele Schülerinnen und Schüler stehen unter Leistungsdruck, haben psychische Probleme. Macht Ihnen diese Entwicklung Sorgen?
Ja, da müssen wir gut hinschauen und die Kinder und Jugendlichen stärken. Dabei sind nicht nur die Schulen gefragt. Der Regierungsrat hat bereits Massnahmen ergriffen, insbesondere bei der Prävention. Besonders am Herzen liegt mir die Einführung der Schulsozialarbeit an Mittel- und Berufsfachschulen.
Viele Eltern wollen heute mitreden und stehen mit Lehrpersonen auf Konfrontationskurs. Wie wichtig ist elterliche Mitsprache?
Eltern und Lehrpersonen haben die gleichen Interessen. Sie wollen ein Umfeld schaffen, in dem Kinder erfolgreich lernen und sich entfalten können. Eltern sind enorm wichtig für den Lernerfolg der Kinder. Wenn Eltern und Lehrpersonen zusammenarbeiten und ihre jeweiligen Rollen gegenseitig respektieren, unterstützen sie die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen am besten.
Schülerinnen und Schüler können die Schulpflicht auch an einer Privatschule oder im Homeschooling erfüllen. Ist die Nachfrage vorhanden?
Der Anteil an Privatschülerinnen und -schülern an der Volksschule ist ziemlich stabil. Er betrug in den letzten 10 Jahren jeweils rund 6,5 Prozent. Der Anteil an Schülerinnen und Schülern im Homeschooling bewegt sich im Promillebereich und ist ebenfalls stabil.
Viele Kinder im Kindergarten und auch in der Primarschule sprechen kaum Deutsch. Wie akut ist das Problem?
Das Vorwissen und der Entwicklungsstand der Kinder ist beim Eintritt in den Kindergarten sehr unterschiedlich. Das betrifft nicht nur die Sprachkenntnisse. Die Betreuung und Förderung der Kinder in den ersten Jahren nach der Geburt ist enorm wichtig. Hier haben die Eltern eine zentrale Rolle. Uner-lässlich ist auch, dass die Gemeinden eine gute familienergänzende Kinderbetreuung anbieten.
Kinder kommen mit vier Jahren (Stichtag 31. Juli) jeweils im August in den 1. Kindergarten. Manche sind also knapp vier Jahre alt, andere, die ab August geboren worden sind, bereits fünf Jahre alt. Ist das problematisch?
Jedes Kind ist anders. Gerade weil der Entwicklungsstand der Kinder in diesem Alter sehr unterschiedlich sein kann, sollte dem Eintrittsalter keine allzu grosse Bedeutung beigemessen werden. Für die Kinder ist das gemeinsame Spielen und Lernen ein Vorteil. In einzelnen Fällen kann es aber sinnvoll sein, wenn man dem Kind mehr Zeit lässt.
Streit über Sinn und Unsinn von Schulnoten. Braucht es sie?
Im Kanton Zürich ist gesetzlich festgehalten, dass die Leistung der Schülerinnen und der Schüler im Semesterzeugnis durch Noten beurteilt werden muss. Berücksichtigt werden die Leistung, die Lernentwicklung und das Verhalten. Noten sind wichtig, um Leistungen beurteilen zu können – und bei Übertritten in andere Schulstufen oder in die Berufsbildung. Noch wichtiger ist aber die Freude am Lernen. Mit einem sinnvollen und ermutigenden Feedback, sei es durch Noten oder andere Rückmeldungen, bleibt diese Freude hoffentlich ein Leben lang erhalten.
Sicherer Schulweg - mit den Kindern üben
Jedes Jahr verunfallen 760 Kinder im Strassenverkehr – zu Fuss, mit dem Trottinett oder mit dem Velo. Gerade kleine Kinder können Geschwindigkeiten und Entfernungen von Fahrzeugen noch nicht einschätzen. Für die Sicherheit auf dem Schulweg ist entscheidend, dass alle Verkehrsteilnehmenden mögliche Fehler der Kinder vorhersehen, indem sie ihr Verhalten anpassen.
• Kinder so lange wie nötig auf dem Schulweg begleiten und den sichersten (nicht kürzesten) Weg mit guten Querungsstellen wählen
• Kinder so kleiden, dass sie gut sichtbar sind. Ideal sind helle und fluoreszierende Kleider
• Gefährliche Stellen erkennen und, wo sinnvoll, organisatorische Massnahmen ergreifen (Schulbus, Pedibus, usw.)
• Kindern beibringen, dass sie auf dem Schulweg aufpassen, also «halte, luege, lose, laufe»
• Auf der Suche nach dem geeignetsten Weg in die Schule bietet der Schulwegplan eine Hilfestellung. Er ist im Online-Stadtplan der Stadt Zürich integriert. stadt-zuerich.ch • Fussgängerinnen und Fussgänger sollten sich der Vorbildrolle bewusst sein. Kinder lernen vor allem durch Beobachten und Nachahmen
Quellen: BFU, Stadt Zürich
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