Kampf um Uhrzeit
Soll der Unterricht an Zürcher Sekundarschulen später beginnen? Zwischen Gemeinderat und Schulpflege tut sich ein Graben auf. - Von Jan Strobel
Früher Schulbeginn um 7.30 Uhr: Für viele Zürcher Jugendliche ist das eine Zumutung. Symbolbild: Unsplash
Soll der Unterricht an Zürcher Sekundarschulen später beginnen? Zwischen Gemeinderat und Schulpflege tut sich ein Graben auf. - Von Jan Strobel
Eltern, die ihre Teenager-Kinder am Morgen partout nicht aus dem Bett bekommen; Lehrpersonen, denen in der ersten Schulstunde übermüdete Gesichter entgegenblicken – die Pubertät und Adoleszenz fordert von allen Seiten ihren Tribut. In der Neurowissenschaft ist das Phänomen längst durch zahlreiche Studien untermauert: Bei Jugendlichen verschiebt sich die innere Uhr vorübergehend nach hinten aufgrund der biologischen Veränderungen, die sie durchlaufen. Sie gehen später ins Bett und wachen später auf. Der frühe Schulbeginn um 7.30 Uhr – für manche Schülerinnen und Schüler scheint er fast schon eine Zumutung, konzentriertes Lernen unmöglich zu sein.
Letzten Mittwoch befasste sich auch der Gemeinderat in einer Detailberatung wieder mit dem Thema, das eigentlich bereits seit 2019 sozusagen im politischen Getriebe schlummert. Damals hatte die AL ein Pilotprojekt zu einem späteren Schulbeginn in der Sekundarstufe mit einer Verschiebung von 7.30 auf 8.20 Uhr vorgeschlagen. Das Postulat wurde zwar überwiesen, zu einem Pilotprojekt kam es allerdings trotzdem nie. 2020 wiederum forderte eine Einzelinitiative einen Schulbeginn am Morgen nach 8 Uhr; und ein Jugendvorstoss verlangte 2024 ebenfalls einen Schulbeginn ab 8 Uhr, verbunden mit drei zusätzlichen freien Nachmittagen auf der Sekundarstufe. In der Frage eines späteren Schulbeginns auf der Sekundarstufe indessen haben der Stadtrat – und auch die Schulpflege – eine klare Haltung: sie lehnen die Idee ab.
«Politik ist Bohren von dicken Brettern», meinte an der Debatte von letzter Woche angesichts dieses zähen Ringens AL-Gemeinde-rat David Garcia Nuñez. AL, Grüne und SP setzten deshalb mit einer parlamentarischen Initiative auf das schärfste politische Instrument des Parlaments. Damit haben die Ratsmitglieder und Kommissionen die Möglichkeit, direkt einen neuen Gesetzestext oder eine Verfassungsänderung auszuformulieren und einzubringen – ohne dass sie auf den Stadtrat angewiesen sind. Unterstützt werden AL, Grüne und SP dabei auch von der Die Mitte/EVP-Fraktion.
Die parlamentarische Initiative sieht einen Unterrichtsbeginn auf der Sekundarstufe frühestens um 8 Uhr vor. Der spätere Unterrichtsbeginn soll mit einer kürzeren Mittagspause kombiniert werden. Statt 100 Minuten könnte sie dann noch 60 Minuten dauern. So könne der Unterricht am Nachmittag ungefähr zur gleichen Zeit enden wie heute, ist Grünen-Gemeinderat Balz Bürgisser überzeugt. Tagesschulen sollen vier Jahre Zeit haben für die Umsetzung.
GLP, FDP und SVP lehnen die Initiative ab. Die Sekundarschulen seien mit der Einführung der Tagesschule schon jetzt herausgefordert, machte FDP-Gemeinderätin Isabel Garcia. Die Umsetzung einer zusätzlichen administrativen Vorgabe stelle eine «Zumutung» dar. Zudem würde es mit einem späteren Unterrichtsbeginn in der ohnehin bereits stark belasteten Sportinfrastruktur zu erheblichen Engpässen kommen. Stadtrat und Schulvorsteher Filippo Leutenegger äusserte sich in einer kurzen Wortmeldung zum Thema. «Die Schulpflege hat eine ganz klare Position: das können wir nicht machen.» Mit seiner «Übersteuerung» der Schulfplege überlaste der Gemeinderat das Schulsystem sehenden Auges.
Der Gemeinderat wird zu einem späteren Zeitpunkt über die Vorlage abstimmen.
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