Sportzentrum mit Hürden
Die Zürcherinnen und Zürcher stimmen am 28. September über das geplante 373 Millionen Franken teure Sportzentrum in Oerlikon ab. Die Kostenexplosion sorgt für Kritik. - Von Ginger Hebel
So soll das neue Sportzentrum mit Sommerbad in Oerlikon aussehen.
Visualisierung: studio blomen, Zürich
Die Zürcherinnen und Zürcher stimmen am 28. September über das geplante 373 Millionen Franken teure Sportzentrum in Oerlikon ab. Die Kostenexplosion sorgt für Kritik. - Von Ginger Hebel
Weil die Bevölkerung in Zürich-Nord stark wächst, soll in Oerlikon ein neues Sportzentrum entstehen (Baustart: August 2027, geplanter Bezug, Mai 2031). Die Stadt argumentiert, dass die bisherigen Anlagen ausgelastet seien und das Bevölkerungswachstum zu noch mehr Andrang führen werde. Geplant ist eine kombinierte Anlage, die den Wasser-, Eis- und Rasensport an einem Ort vereint. Der Quartier-verein Oerlikon begrüsst das Projekt. «Es handelt sich um eine attraktive, wettkampftaugliche Anlage mit wesentlich höherer Kapazität, die dem Wachstum und den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht wird. Ohne neues Hallenbad würde es künftig sehr eng werden beim Schwimmen», sagt Quartiervereinspräsidentin Monika Wicki und betont: «Wir sind froh, dass wir das jetzige Hallenbad nutzen können, bis das neue in einigen Jahren eröffnet wird.» Das Angebot an Schwimm- Freizeit- und Lernschwimmbecken wird erweitert und rund 60 Prozent mehr Wasserfläche geschaffen. «Ein Ausbau der Infrastruktur ist aufgrund der enormen Nachfrage dringend nötig und überfällig», sagt Christoph Frei, Präsident des Zürcher Stadtverbands für Sport (ZSS) und ergänzt: «Das letzte Hallenbad wurde vor sage und schreibe 42 Jahren mit dem Bläsi in Höngg eröffnet. Der Bedarf an Wasserflächen ist in der Zwischenzeit enorm gestiegen.» Das neue Hallenbad soll ein 50-Meter-Becken umfassen. Es entsteht erneut eine Sprungturmanlage sowie ein Sommerbad. Im Hauptgebäude sind zwei neu ganzjährig nutzbare Eissporthallen, ein öffentliches Gastronomieangebot sowie ein Werkhof von Grün Stadt Zürich geplant. Das Problem: Die Kostenexplosion. Statt wie angesagt 210 Millionen soll der Neubau 373 Millionen kosten. Die Kostensteigerung sorgte von links bis rechts für Irritationen. «Die SVP unterstützt den Sport, kann aber das Planungsdebakel so nicht akzeptieren», sagt der Seebacher SVP-Gemeinderat Reto Brüesch. Die SVP enthält sich bei der Abstimmung der Stimme. Es sei nicht das erste Grossprojekt der Stadt, bei dem die Kosten massiv aus dem Ruder laufen. «Man denke an das Kongresshaus oder den Neubau der Wache Nord für Schutz & Rettung in Zürich-Oerlikon. Was die Stadt plant, wird durchgewunken, egal, wie teuer es ist. Das ist inakzeptabel», betont Brüesch. Mehrere Vorstösse zur Kostenoptimierung wurden nicht berücksichtigt. Der Stadtrat erklärt die Mehrkosten mit der Bau-Teuerung, unerwarteten Altlasten und gestiegenen Preisen für die Haustechnik.
Kein Platz für Tennis
Unverständlich ist für Reto Brüesch auch, warum man ein 47 Jahre altes Hallenbad abreisst statt es umzubauen und beispielsweise als Mehrzweckhalle zu nutzen. Auch ein Werkhof passe nicht ins Sportumfeld. «Der Stadt Zürich fehlt eine übergreifende Werkhof-Strategie.» Das Sportzentrum wird gerne als «architektonischer Prestigebau mit riesigen Glasfronten» bezeichnet. «Heizen, im Sommer beschatten, der ganze Unterhalt, das kostet alles», sagt Brüesch. Die Architektur sei hier wichtiger als die Funktionalität. Beim Zürcher Sportamt sieht man das Projekt nicht in erster Linie als Vorzeigeprojekt. «Es ist schlicht die beste Antwort auf die heutigen Problemstellungen, wie die Bevölkerungszunahme, das steigende Interesse an Sport über alle Altersstufen hinweg oder die Sanierungsbedürftigkeit von Hallenbad und Kunsteisbahn», sagt Hermann Schumacher vom Sportamt.
Bei der Planung wurde zudem der Tennissport links liegengelassen. Der traditionsreiche Tennisclub Oerlikon fällt dem Neubau zum Opfer. Der Club mit seinen sechs Sandplätzen muss weichen, damit ein siebter Fussballplatz entstehen kann – ein Verlust fürs Quartier und die 400 Clubmitglieder. Für Präsident Ralph Sträuli ist die Verdrängung aus dem Quartier ein Frust. Noch sechs Jahre wird der Tennisclub in Oerlikon bleiben, bis er auf die Anlage Eichrain in Seebach umsiedelt. «Wir bedauern sehr, dass keine Lösung für den Tennisclub vor Ort gefunden werden konnte», sagt Quartiervereinspräsidentin Monika Wicki. «Hier hätte die Stadt etwas fantasievoller agieren und planen können.» Den Entscheid gelte es zu akzeptieren, denn der Tennisclub habe einen guten Ersatz in Seebach erhalten, wo auch Winterplätze möglich seien.
Christoph Frei vom ZSS betont, dass der Rasensport ein Daueranliegen sei. «Viele Vereine haben besonders beim Mädchenfussball lange Wartelisten. Die Trainerinnen stünden zwar bereit, werden aber keine neuen Teams bilden, wenn die Infrastruktur nicht zur Verfügung steht. Jede neue Fläche bringt Entlastung und nimmt Druck von überbeanspruchten Anlagen.» Neben Fussball betreffe das auch Rugby, American Football, Baseball und Landhockey.
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