Mehr als Wohnpolitik
Das Thema Wohnen polarisiert. Mit der 10 000. städtischen Wohnung setzt Zürich ein Zeichen. Ein Rundgang durch die Geschichte. - Von Jan Strobel
Das Thema Wohnen polarisiert. Mit der 10 000. städtischen Wohnung setzt Zürich ein Zeichen. Ein Rundgang durch die Geschichte. - Von Jan Strobel
«Wohnen in der Stadt Zürich bleibt weiterhin für viele unerschwinglich, für noch mehr schlicht unmöglich.» Das Zitat des Zürcher Korrespondenten der Zeitung «Der Bund» stammt zwar aus dem Jahr 1983; es könnte allerdings auch über 40 Jahre später identisch lauten. Wohnungsknappheit und Wohnungsnot – sie ziehen sich wie «Evergreens» durch die Stadtzürcher Geschichte der letzten 125 Jahre. Und es ist ein Thema, das mindestens ebenso lange polarisiert. Das sieht auch Stadtrat und Finanzvorsteher Daniel Leupi so. «Eine boomende Stadt», sagt er, «wird immer ein Wohnungsproblem haben. Es gibt keine Zaubermittel dagegen. Aber es gibt Instrumente.»
Eines dieser Instrumente in der Stadt Zürich ist der gemeinnützige Wohnungsbau. Und hier ging Zürich schon früh pionierhaft voran. Einen Blick in dessen Geschichte zeigten Stadtrat Daniel Leupi und der Delegierte Wohnen, Philippe Koch, vergangene Woche anlässlich eines Medienrundgangs. Die Tour hatte einen ebenso geschichtsträchtigen Markstein zum Hintergrund: In der neuen Siedlung Hardau I im Kreis 4 entsteht gerade die 10 000. städtische Wohnung. 2026 wird die Siedlung fertiggestellt und bezugsbereit sein. Ausgeschrieben werden die ersten der 122 Wohnungen bereits diesen Monat. Mietzins für eine 4-Zim-mer-Wohnung: 1850 Franken. In einer Stadt wie Zürich ist das heute fast schon surreal günstig.
Dem Ersatzneubau weichen musste 2022 die in den 1960er-Jahren gebaute Vorgängersiedlung mit ihren 80 Wohnungen. Die Stimmberechtigten hatten das Projekt deutlich gutgeheissen.
Das Anfangskapitel dieser Stadtzürcher Wohngeschichte wurde eigentlich in der Gasometerstrasse im Kreis 5 geschrieben. 1907/1908 erstellte die Stadt auf dem Areal zwischen Limmat-, Heinrich-, und Gasometerstrasse die erste städtische Wohnsiedlung, als «ersten Versuch von Selbstbau», wie es damals hiess. Die kommunale Wohnsiedlung Limmat I war also gewissermassen der «erste Streich» und sandte gleichzeitig ein wohnbau- und sozialpolitisches Signal aus. Die rasant wachsende Stadt reagierte zum ersten Mal kommunal auf die Wohnungsnot unter anderem im Zuge der immer stärkeren Zuwanderung von Arbeitern. Die Menschen sollten raus aus den Massenquartieren, hinein in eine würdige Wohnkultur. Seit dieser ersten Siedlung ist der Bestand stetig gewachsen – mit besonders markanten Ausbauwellen nach den Weltkriegen und in den 1970er-Jahren. In den Jahrzehnten danach verlangsamte sich die Bautätigkeit deutlich, unter anderem wegen knapper Flächen und steigenden Baukosten. «Wir können in der Stadt Zürich heute nicht mehr einfach auf der grünen Wiese bauen wie früher», umschreibt es Philippe Koch, der Delegierte Wohnen bei der Stadt. «Das macht die Planung komplexer, kostspieliger. Und der beschränkte Raum führt unweigerlich zu Zielkonflikten.»
Zu dieser Komplexität gesellt sich immer auch eine differenzierte Güterabwägung. Sollen bestehende Bauten erhalten bleiben oder Ersatzneubauten weichen? Den Vorwurf, die Stadt betreibe hier eine «Tabula-rasa-Politik» mit einer regelrechten «Abbruchwelle» lässt Stadtrat Daniel Leupi nicht gelten. Tatsächlich werde von der Stadt mehr saniert als ersetzt. Eine Station des Rundgangs, die das veranschaulicht, ist die städtische Wohnsiedlung Bullingerhof, erbaut 1930/1931. Sie wich nicht etwa einem Ersatzneubau, sondern durchlief eine aufwendige Gesamtinstandsetzung, die 2023 abgeschlossen wurde.
Die 10 000. Wohnung in der Siedlung Hardau I steht auch sinnbildlich für das ambitionierte Ziel der Stadt, dass bis 2050 ein Drittel aller Mietwohnungen im Eigentum von gemeinnützigen Wohnbauträgerschaften sind. Heute besitzt die Stadt etwa 6 Prozent der gemeinnützigen Wohnungen. Rund 23 000 Menschen leben in städtischen Wohnliegenschaften. Zählt man weitere gemeinnützige Anbieter hinzu, sind es bereits 140 000 Zürcherinnen und Zürcher, die gemeinnützig wohnen. Für Stadtrat Daniel Leupi steht fest: Wohnpolitik heisst nicht nur Baupolitik. Es gehe um den Zugang zu Wohnungen, ihren Erhalt – und die Beteiligung und das Ausloten von Instrumenten, die alle nutzen können, sowohl die Stadt, als auch Genossenschaften und Private. Wohnpolitik müsse immer auch ein Beitrag an soziale Herausforderungen bilden. «Wir wollen eine durchmischte Stadt. Jeder soll in Zürich wohnen können, auch im Niedriglohnsektor.»
Lade Fotos..