Hoher Leidensdruck
Neu betreibt der Kanton Zürich einen zentralen Telefondienst für Gewalt-opfer. Rund um die Uhr erhalten Betroffene Hilfe. - Von Ginger Hebel
«Leider ist der gefährlichste Ort für eine Frau ihr eigenes Zuhause», sagt Jessica Wolf von der Opferberatung Zürich. Symbolbild: Unsplash
Neu betreibt der Kanton Zürich einen zentralen Telefondienst für Gewalt-opfer. Rund um die Uhr erhalten Betroffene Hilfe. - Von Ginger Hebel
Die Frau am anderen Ende der Leitung hat Angst, dass ihr Zuhause erneut zum Tatort wird. Dass ihr Mann sie nochmals schlägt und sie weiter bedroht. Sie sucht Hilfe, möchte aber anonym bleiben, weil sie sich für ihre Situation schämt.
Seit wenigen Tagen betreibt der Kanton Zürich den Zentralen Telefondienst der Opferhilfe Zürich. «Es ist sehr wichtig, dass Opferhilfe niederschwellig und unkompliziert erfolgt, auch mitten in der Nacht. Gewalt kennt keine Öffnungszeiten», sagt Jessica Wolf, stv. Geschäftsführerin der Opferberatung Zürich, die das neue Telefonangebot im Auftrag des Kantons umsetzt. 30 Personen wurden speziell ausgebildet, unter anderem in Gesprächsführung, um Betroffene optimal zu unterstützen.
Alles, was Beratende und Anrufende miteinander reden, bleibt vertraulich. Die Mitarbeitenden unterstehen der Schweigepflicht. «Das ist nötig, damit Betroffene sich öffnen und Hilfe annehmen können», erklärt Jessica Wolf. Justizdirektorin Jacqueline Fehr betont, dass der Kanton Zürich mit diesem Angebot die Zugänglichkeit der Opferhilfe verbessert. «Das ist ein wichtiger Schritt bei der Unterstützung von gewaltbetroffenen Menschen», betont Fehr.
Opfer haben Angst
Seit die neue Telefonnummer in Betrieb ist, haben sich bereits mehrere Hilfesuchende gemeldet. «Häusliche Gewalt ist ein grosses Thema. Es herrscht ein hoher Leidensdruck», weiss Jessica Wolf. «Leider ist der gefährlichste Ort für eine Frau ihr eigenes Zuhause. Ausgerechnet jener Ort, wo man sich sicher und geborgen fühlen sollte.»
Viele Opfer fühlen sich ausgeliefert. Sie wissen nicht, wem sie sich anvertrauen sollen. Die Polizei möchten sie oft nicht verständigen, weil sie befürchten, dass es zur Anzeige kommt, da viele Delikte im Bereich Häuslicher Gewalt Offizialdelikte darstellen. «Betroffene haben Angst, dass der Partner ihnen nach einer Trennung die Kinder wegnimmt», weiss Wolf. Hinzu komme, dass Opfer oft unsicher seien, ob die erlebte Grenzüberschreitung bereits Grund genug sei, um dagegen vorzugehen. «Drohungen und Nötigung mögen keine physischen Spuren hinterlassen, sind aber auch Gewalt», betont die Expertin.
Die Beraterinnen und Berater des Telefondiensts helfen dabei, die Situation einzuschätzen und die nächsten Schritte zu bestimmen. Bei einer akuten Krise erfolgt sofort eine Intervention. Die anrufende Person wird an ein Frauenhaus vermittelt oder es wird die Polizei beigezogen. Möchte ein Opfer von sexueller oder häuslicher Gewalt die Spuren vorsorglich sichern, wird es im Kanton Zürich vom Aufsuchenden Dienst Forensic Nurses in allen Spitälern mit Notfallstation untersucht und medizinisch betreut. Der Kontakt zu den Forensic Nurses wird auf Wunsch vom Zentralen Telefondienst der Opferhilfe direkt hergestellt . «Spuren sollten zeitnah nach der Tat gesichert werden», betont Jessica Wolf.
In weniger akuten Fällen bemühen sich die Beratenden um eine Stabilisierung. Sie klären die Situation und die Anliegen der Betroffenen und informieren diese über die Opferhilfe und die verschiedenen Angebote der acht kantonalen Beratungsstellen. Sie alle bieten kostenlose und vertrauliche Unterstützung und helfen auch bei der Entscheidung, ob eine Strafanzeige sinnvoll ist. «Menschen, die Gewalt erfahren, fühlen sich im ersten Moment hilflos. Es ist wichtig, Optionen zu kennen, um wieder ins Handeln zu kommen und nächste Schritte zu planen», betont Jessica Wolf.
Mit dem Start des Telefonangebots setzt der Kanton Zürich einen Meilenstein auf dem Weg zur schweizweiten Einführung der dreistelligen Telefonnummer für Gewaltopfer um. Diese wird unter der Nummer 142 am 1. Mai 2026ihren Betrieb aufnehmen.
Weitere Informationen: Zentraler Telefondienst der Opferhilfe Zürich, 24 Stunden an 7 Tagen die Woche erreichbar. Telefon 044 455 2 142
Lade Fotos..