Gastronomie für alle
Die Zürcher SP fordert den Pilotbetrieb einer Quartierküche. Personen, die aus finanziellen Gründen von derzeitigen Angeboten ausgeschlossen sind, sollen auswärts essen gehen können. - Ginger Hebel
Die Cafeteria im GZ Seebach ist ein Treffpunkt für Jung und Alt. Das Mittagsangebot zu fairen Preisen wird im Quartier geschätzt. GZ Seebach
Die Zürcher SP fordert den Pilotbetrieb einer Quartierküche. Personen, die aus finanziellen Gründen von derzeitigen Angeboten ausgeschlossen sind, sollen auswärts essen gehen können. - Ginger Hebel
Restaurantbesuche können sich in der Stadt Zürich längst nicht mehr alle leisten. «Viele Zürcher Haushalte stehen aufgrund rasant steigender Lebenshaltungskosten unter erheblichem finanziellem Druck. Wer sogar von Armut und Armutsgefährdung betroffen ist, leidet besonders. Das betrifft insbesondere Alleinerziehende, Familien, ältere Personen und Menschen mit Migrationshintergrund», sagt die Stadtzürcher SP-Gemeinderätin Anna Graff. Daher fordert die SP den Pilotbetrieb einer Quartierküche. Ein Restaurant für alle Budgets.
Isolation bekämpfen
Kantinen, die dezentral mitten im Quartier operieren, könnten Zugang zu warmen Mahlzeiten zu erschwinglichen Preisen bieten und zugleich Orte der Begegnung im Quartier stärken. «Gemeinsame Mahlzeiten fördern den sozialen Austausch und wirken der Isolation entgegen, vor allem, wenn bei der Ausgestaltung der Räumlichkeiten auf Angebote wie Spiel- oder Leseecken geachtet wird», ist Ruedi Schneider von der SP überzeugt. Er sieht in der Stadt eine Angebotslücke. «Es existiert eine Gruppe Menschen, denen die hohen Kosten zu schaffen machen. Quartierküchen liessen sich allenfalls in bestehenden städtischen Infrastrukturen wie Gemeinschaftszentren einrichten. Diese sind bereits in den Quartieren verankert, gut erreichbar und verfügen über geeignete Räumlichkeiten», so Schneider.
Die Zürcher Gemeinschaftszentren begrüssen die Idee einer Quartierküche. «Ein niederschwelliger Ort für alle aus dem Quartier zu sein, gehört zu den Kernaufgaben der GZ. Eine Quartierküche wäre eine Erweiterung unseres Auftrages», sagt Geschäftsführerin Claudia Nyffenegger. Einzelne GZ in Oerlikon und Seebach bieten bereits heute einfache und kostengünstige Mittagsmahlzeiten für 15 Franken an. Claudia Nyffenegger: «Nicht alle GZ verfügen über einen Gastrobereich, und nicht überall ist die Infrastruktur dafür ausgelegt, dass ein Mittag- oder Abendessen angeboten werden kann.» So verfüge das GZ Höngg über keinerlei Gastroinfrastruktur. Das GZ unterstütze jedoch die Quartierbevölkerung, falls sie ein Kochangebot für die Gemeinschaft durchführen möchten. Im GZ Bachwiesen in Albisrieden findet auf Initiative einer Quartierbewohnerin ein monatlicher Brunch statt für Menschen, die sich einsam fühlen und Kontakte und Austausch wünschen.
«Wenig Geld bedeutet nicht nur materielle Einschränkung, sondern oft auch soziale Isolation. Die Menschen bleiben zwangsläufig zu Hause und verzichten auf gemeinschaftliche Aktivitäten, was Vereinsamung fördert und gesundheitliche Belastungen verstärkt», betont Politikerin Anna Graff. «Caritas Zürich begrüsst alles, was das Budget von Menschen mit wenig Geld entlastet», sagt Mediensprecher Andreas Reinhart. «Wir selber betreiben den Caritas-Markt, in dem Armutsbetroffene in Zürich und Winterthur günstig Produkte für den täglichen Bedarf einkaufen können.» Ab sofort ist der neue Markt an der Hohlstrasse 446 geöffnet; als Ersatz für den Markt an der Reitergasse. Weitere Umsetzungsmöglichkeiten für eine Quartierküche könnten Gesundheitszentren für das Alter bieten, um diese als Begegnungsorte zu stärken und die niederschwellige Nutzung durch ältere Menschen zu ermöglichen. «Die barrierefrei zugänglichen öffentlichen Restaurants der Gesundheitszentren für das Alter bieten preislich attraktive saisonale Gerichte und Mittagsmenüs mit Fokus auf Nachhaltigkeit und Regionalität», sagt Joël Quirino. Nebst Angehörigen und Bekannten der Bewohnenden seien auch Gäste ohne Bezug zum Gesundheitszentrum herzlich willkommen.
Keine Gastro-Konkurrenz
Bei erfolgreichem Pilotbetrieb soll eine Ausweitung des Konzepts auf alle Stadtquartiere geplant werden. Zürcher Gastronomieunternehmen begrüssen die Idee. «Wir sehen das nicht als Konkurrenz, im Gegenteil: Neue Ideen sind wichtig für die Weiterentwicklung der Gastronomie. Sie muss für jedes Budget erlebbar bleiben, weil sie Begegnungsorte schafft und soziale Kontakte ermöglicht. In der Pandemie haben wir gesehen, wie belastend es ist, wenn genau das wegfällt», betont Iwan Pfyl von der Familie Wiesner Gastronomie. Ihre Brands Nooch, Negishi, Miss Miu, Outback Lodge und Kitchen Republic stehen für Casual Dining. Für Menschen mit beschränktem Budget bieten sie mehrere einfache und attraktive Möglichkeiten: vergünstigte Lunchmenüs, preiswerte Take-Away-Gerichte und Kindermenüs. Zusätzlich profitieren Studierende mit der STUcard von Cashback. Über die Rewardz App gibt es regelmässig Deals. «Und mit Too Good To Go reduzieren wir Foodwaste und ermöglichen sehr günstige Abholangebote kurz vor Ladenschluss», so Iwan Pfyl.
Auch Michel Peclard findet die Quartierküche eine sinnvolle Idee. «Ich finde, der Besuch eines Restaurants sollte allen Bevölkerungsschichten ermöglicht werden. Man möchte einfach mal ausgehen, ohne dass einem der Kontostand den Appetit vermiest.» Sie würden dies bereits unterstützen, wo es die Miete und andere Fixkosten erlauben. «Zum Beispiel in der Wirtschaft auf der Insel Ufnau, die wir vom sehr kulanten Kloster pachten dürfen», betont Peclard. Hier gäbe es günstige Verpflegung für schmale Budgets, was von Senioren und Familien geschätzt werde. Auch in der Pumpstation sei es vermutlich allen möglich, etwas zu finden, das günstig und gut ist. «In unseren Zürcher Betrieben ist es uns aber nicht wirklich möglich, ein ergänzendes Menü anzubieten. Die Mieten sind einfach zu hoch. Auch setzen wir auf regionale und lokale Lieferanten, was seinen Preis hat. Darum zählt jeder Kaffee und jede Wurst. Aber wenn die Stadt oder andere Partner das subventionieren würden, wären wir sofort dabei.»
Die Idee der Quartierküche wird bereits in vielen Städten im Ausland gelebt, zum Beispiel in der Türkei. In Berlin wurde jüngst der Aufbau staatlich finanzierter «Kiezkantinen» in allen Bezirken gefordert. In diesen soll man trotz der enorm gestiegenen Lebensmittelpreise bezahlbares Essen bekommen. Vergleichbare Angebote sollen künftig auch in Zürich möglich sein.
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