Nicht mehr tragfähig
Nachdem der Zoo die Zusammenarbeit mit der Firma Baltensperger zum Bau der Pantanal-Voliere vorzeitig beendet hatte, hagelte es von vielen Seiten Vorwürfe. Am Donnerstag wehrte sich der Tiergarten. - Von Sacha Beuth
Nachdem der Zoo die Zusammenarbeit mit der Firma Baltensperger zum Bau der Pantanal-Voliere vorzeitig beendet hatte, hagelte es von vielen Seiten Vorwürfe. Am Donnerstag wehrte sich der Tiergarten. - Von Sacha Beuth
Es war ein ziemliches Gewitter, das über den Zoo Zürich hereinbrach, als er im Dezember letzten Jahres der Stahlbaufirma Baltensperger aus Höri den Auftrag für den Bau der Voliere über die künftige, rund 11000 Quadratmeter grosse Pantanal-An-lage entzog. Denn die Schuld für das Scheitern der Zusammenarbeit wurde vom Bauunternehmen und einigen Medien dem Tiergarten zugeschoben. Der Zoo habe an unnötigen und realitätsfernen Anforderungen festgehalten. Dass man das Gerüst nicht innert der geplanten Frist und mit der nötigen Genauigkeit habe liefern können, sei den vielen Planänderungen von Seiten des Zoos geschuldet. Dessen Vorgehen sei widersprüchlich. Und das Abrufen der Bankgarantie sei unnötig gewesen. Der Zoo würde dadurch eine Schweizer Firma in den Ruin treiben. 75 Angestellte würden deswegen ihren Job verlieren.
Auch in der Politik schlug die Angelegenheit Wellen. Im Kantonsrat wurde etwa ein Eingreifen der Regierung gefordert, damit die Firma Baltensperger den Auftrag doch noch ausführen könne.
Der Zoo schwieg lange zu den Anschuldigungen. Dann aber folgte ein Meinungsumschwung, der am letzten Donnerstag in eine eigens einberufene Medienkonferenz mündete. Dort bezogen sowohl Martin Naville, Verwaltungsratspräsident der Zoo Zürich AG, als auch Zoodirektor Severin Dressen Stellung. «Wir sind ungern hier. Unsere Kommunikationsstrategie hatte das Ziel, der Firma Baltensperger nicht zu schaden. Doch nach deren in der Öffentlichkeit geäusserten Anschuldigungen und den politischen Vorstössen sehen wir uns gezwungen, die Fakten aus unserer Sicht darzustellen.»
Den Kern des Streits liegt in der Abweichungstoleranz von nur gerade 5 Millimetern bei der Unterkonstruktion. Diese bildet mit 12 Standorten die Basis für 10 Stahlbögen, die in Höhen von bis zu 35 Metern zusammengeschweisst werden und das Netz der Voliere tragen sollen. Die Präzision der Verbindung von einem Unterkonstruktionsstandort zum anderen sei laut Naville elementar, da kleine Abweichungen auf der einen Seite erhebliche Abweichungen auf der anderen Seite nach sich ziehen können und dann die Sicherheit und Stabilität nicht mehr gewährleistet sei. Baltensperger scheute die Anforderungen nicht und erhielt 2023 den Auftrag zur Umsetzung. «Dabei wurde die Toleranzgrenze von 5 Millimetern explizit vertraglich festgehalten», betont Naville.
Leider habe man sich vom guten Ruf der Firma Baltensperger blenden lassen. «Tatsächlich gab es in der Folge bedeutende Abweichungen zu vertraglichen Abmachungen. Die Termine und die technische Präzision wurden nicht eingehalten. Und es gab immer wieder finanzielle Nachforderungen».
Entgegen den Vorwürfen der Firma Baltensperger hätte sich die Planänderungen von Seiten des Zoos «im üblichen Rahmen eines solchen Projektes» bewegt. Darauf in den Medien dazu befragt, widerspricht Baltensperger respektive hält an seiner Eingangs erwähnten Behauptung fest.
Fakt ist jedenfalls, dass der Zoo im November 2025 eine weitere Zusammenarbeit für nicht mehr tragfähig hält und sie wenig später beendet. Wie in solchen Fällen üblich, hatte der Zoo der Firma Baltensperger zuvor 75 Prozent der Vertragssumme – rund 9,5 Millionen Franken – vorausbezahlt. Zugleich wurde im Werkvertrag eine Bankgarantie für nicht erbrachte Leistungen in Höhe von 4 Millionen Franken festgehalten. Diese Option zieht der Zoo, als die Zusammenarbeit eingestellt wird. Blieben für das Bauunternehmen immer noch 5,5 Mio. Franken. Allerdings wurden laut Angaben des Zoos bereits Stahlteile in unterschiedlichen Fertigungsgraden im Wert von 4,9 Mio. Franken erstellt, wovon der Zoo Teile im Wert von 700 000 Franken erhielt, aber aus seiner Sicht auch die übrigen zu Gute hätte. Obwohl diese teilweise nicht die erwähnte Präzision aufweisen. Den scheinbaren Widerspruch im Interesse daran begründet Zoodirektor Dressen damit, dass man die Stahlbogenteile mit einigen Anpassungen verwenden könnte. «Für diese hätten wir aus Kulanz zusätzlich einen siebenstelligen Betrag bezahlt.» Gemäss der Firma Baltensperger entspreche das Angebot des Zoos aber nicht dem tatsächlichen Wert, weshalb sie die Herausgabe der Teile verweigert.
Dass nun 75 Mitarbeitende von Baltensperger wegen des Zoos ihre Stelle verlieren sollen, ist für den Zoo schwer nachzuvollziehen. «Eine finanziell gesunde Schweizer Firma wird durch den Entzug eines einzelnen Auftrages nicht in Zahlungsunfähigkeit geraten», ist Naville sicher.
Das Trümmerfeld ist so oder so gross. Der Zoo behält sich rechtliche Schritte vor und sucht nach einer neuen Stahlbaufirma. Die Firma Baltensperger versucht, eine Auffanggesellschaft zu gründen. Und auch die Zoobesucher und die künftige Bewohner der Pantanal-Voliere sind Leidtragende. Sie müssen auf die Eröffnung statt bis 2028 noch ein paar zusätzliche Jahre warten.
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