Werden in Zürich immer seltener: Neugeborene. Bild: unsplash/C. Bowen
17.02.2026 15:04
Kinder verlieren an Bedeutung
Immer mehr Zürcherinnen und Zürcher ziehen es offenbar vor, auf eigene Kinder zu verzichten. Stattdessen wenden sie sich vermehrt Haustieren zu. Katja Rost (49), Leiterin Soziologisches Institut der Universität Zürich, führt dies vor allem auf gesellschaftliche Entwicklungen zurück. - Von Sacha Beuth
Es sind Zahlen, die aufhorchen lassen. Laut der neusten Bevölkerungsstatistik der Stadt Zürich werden immer weniger Babys in der Limmatstadt geboren. Kamen von 2014 bis 2021 jedes Jahr mehr als 5100 Kinder zur Welt, sank die Zahl seither auf rund 4500 pro Jahr. Zugleich ist die Zahl der Hunde innert zehn Jahren um 41 Prozent auf 9837 Exemplare im Jahr 2024 gestiegen. Katja Rost, Leiterin des Soziologischen Instituts der Uni Zürich, erklärt die Gründe und Zusammenhänge.
Die Bevölkerungsstatistik belegt es schwarz auf weiss: Die Zürcherinnen und Zürcher bekommen seltener Kinder, legen sich dafür aber immer öfter einen Hund zu. Haben Kinder folglich in der Gesellschaft an Bedeutung verloren?
Katja Rost: Ja. Dieser Trend zeigt sich nicht nur in Zürich beziehungsweise der Schweiz, sondern in allen reichen Wohlstandsländern, also dort, wo man sich Kinder aus finanziellen Gründen eigentlich leisten könnte. Die Entwicklung gibt es seit Jahrzehnten und die Gründe hierfür sind vielfältig. So ist etwa der Zugang zu Verhütungsmitteln einfacher geworden, man wird schon früh von Eltern und in der Schule in Sachen Sexualität aufgeklärt. Mit dem Ausbau des Wohlfahrtstaates entfiel zudem ein ökonomischer Grund fürs Kinderkriegen. Diese werden nicht mehr als «Altersvorsorge» benötigt. Und natürlich hat die Emanzipation der Frau einen grossen Einfluss. Während ihr Dasein lange auf Familie und Kinderkriegen reduziert wurde, wird heute schon jungen Mädchen eingebläut, später in die Arbeitswelt einzutreten, möglichst Karriere zu machen und wenn, dann eher spät eine Familie zu gründen. Ansonsten wird man als unmodern stigmatisiert. Dabei sollten Paare eher in jungen Jahren Kinder bekommen.
Warum?
Einerseits aus biologischen Gründen. Bei Frauen lässt die Fruchtbarkeit schon ab 25 nach, ab 35 sogar dramatisch. Auch bei Männern nimmt die Qualität der Spermien ab, je älter sie werden. Zudem ist man in jungen Jahren in der Regel fitter, um den physischen Anforderungen der Elternschaft gerecht zu werden. Andererseits beginnt in den meisten Fällen die eigentliche berufliche Karriere sowohl für Frauen wie Männer erst ab etwa Mitte 30. Werden Paare im Alter von 20 Eltern, ist ihr Kind schon relativ selbständig, wenn die Karriere von Mutter und Vater zu greifen beginnt. Kommt hinzu, dass staatliche finanzielle Unterstützung für Eltern einen wesentlich höheren Effekt hat, wenn diese in einem Alter Kinder bekommen, in dem sie noch gar nicht oder nur wenig verdienen.
Scheuen Erwachsene auch immer öfter die Verantwortung, die mit Kindern zusammenhängt? Will man seine persönliche Freiheit immer weniger zugunsten einer Familie opfern?
Das ist so. Die Selbstverwirklichung und Individualisierung steht nun im Vordergrund. Man will heute alles haben, persönliche Freiheit, viel reisen, eine tolle Wohnung und Freizeitaktivitäten wann und so oft man will ausüben. Dieser Selbstoptimierungswahn steht diametral zu einem Kind. Das macht abhängig und kostet nicht nur Zeit, sondern auch Geld – für 18 Jahre oder noch länger.
Stichwort Kosten. Sind diese ebenfalls verantwortlich für den Wandel weg vom Kind und hin zum Hund. Immerhin fallen pro Jahr für einen Hund im Schnitt nur rund 2000 Franken an, derweil ein Kind mit gut 15 000 Franken zu Buche schlägt.
Die Kosten spielen zwar eine Rolle. Im Vordergrund stehen hier aber andere Parameter. Etwa die geringere Abhängigkeit. Das fängt damit an, dass man sich einen Hund auch ohne Partner zulegen kann. Auch kann man einen Hund einfach für zwei Wochen in eine Pension geben und zu zweit in Urlaub fahren, derweil das mit einem Kleinkind nicht so einfach ist. Und man kann im Alltag einen Hund auch für ein paar Stunden allein in der Wohnung lassen.
Warum boomen ausgerechnet Hunde? Warum fällt die Wahl nicht auf noch pflegeleichtere Haustiere wie Katzen oder Kaninchen?
Die Zahl der Katzen hat zwar ebenfalls zugenommen. Im Gegensatz zu diesen – und zu einem Kind, wenn es älter ist – ist ein Hund «seinem Menschen» hörig und liebt ihn uneingeschränkt. Und er dient als günstiges Statussymbol, das der Besitzer nach seinem Willen ausstatten und zum Beispiel beim Gassi gehen präsentieren kann.