Stauraum für Obdachlose
Rot-grüne Politiker fordern gratis Schliessfächer für Obdachlose. Andere Städte machen damit gute Erfahrungen. Probleme gibt es mit Drogen. Clarissa Rohrbach
Wer auf der Strasse lebt, hat oft keinen Ort, um seine Sachen zu verstauen. Kostenlose Schliessfächer sollen helfen. Symbolbild: Unsplash
Rot-grüne Politiker fordern gratis Schliessfächer für Obdachlose. Andere Städte machen damit gute Erfahrungen. Probleme gibt es mit Drogen. Clarissa Rohrbach
Obdachlose tragen ihr ganzes Hab und Gut ständig mit sich. Mit der Gefahr, dass die Sachen leicht gestohlen oder verloren gehen können. Um ihren Alltag zu erleichtern, fordern rot-grüne Gemeinderäte, dass ihnen kostenlose Schliessfächer zur Verfügung stehen. Anna-Béatrice Schmaltz (Grüne) hat zusammen mit Selina Walgis (Grüne) und Moritz Bögli (AL) ein Postulat eingereicht, das den Stadtrat auffordert, zu prüfen, wie die Gepäckaufbewahrung an zentralen Orten ermöglicht werden kann. «Die bestehenden Schliessfächer an den Bahnhöfen reichen dafür nicht aus, sie sind zu teuer, zu klein und können oft nicht lange genug verwendet werden», sagt Schmaltz. Ihr schwebt vor, dass die Stadt für die Schliessfächer mit Anlaufstellen für obdachlose Menschen zusammenarbeitet.
Die Stadt Luzern ist schon einen Schritt weiter. Der dortige Stadtrat hat kürzlich mitgeteilt, dass er das Anliegen begrüsse und die Kosten einer Umsetzung prüfen wolle. Doch er gibt zu bedenken, dass ein frei zugängliches, anonymes Schliessfachsystem nicht umsetzbar sei. Als Begründung nennt er den steigenden Crack-Konsum. Dieser führe zu mehr Diebstählen, Beschädigungen und Konflikten. Ohne Aufsicht bestehe das Risiko, dass Schliessfächer für die Lagerung von Drogen und gestohlenen Gegenständen missbraucht würden. Deswegen betont er, dass eine institutionelle Einbettung und Betreuung unerlässlich seien.
Dass die Schliessfächer beaufsichtigt werden müssen, sagt auch Walter von Arburg, Sprecher des Sozialwerks Pfarrer Sieber. Dieses bietet bereits Staumöglichkeiten für Obdachlose an, doch die Schlüssel bleiben in der Hand der Betreiber. «So können wir bei Bedarf in die Schliessfächer reinschauen», sagt von Arburg. Häufig würden Obdachlose nasse Kleider oder Essen lagern, es müsse die Möglichkeit geben, zu handeln, damit der Inhalt nicht verdirbt. Man wolle auch nicht dem Drogenhandel Vorschub leisten. «Doch wir stellen ein Bedürfnis fest», sagt von Arburg. Obdachlose würden Wertsachen, Kleider, Schlafsack oder Waschutensilien ständig mit sich tragen, das könne schnell schwer werden. Ausserdem sei ihnen der Zutritt zu gewissen Orten, wie zum Beispiel gratis Internetcafés, mit Gepäck verwehrt.
Widerstand gegen die Schliess-fächer kommt von Rechts. SVP-Gemeinderat Samuel Balsiger meint, dass Obdachlose aus freien Stücken entscheiden, auf der Strasse zu schlafen. «Niemand muss unter freiem Himmel übernachten, es gibt genügend staatlich oder privat finanzierte Schlafplätze.» Für Balsiger ist der Vorstoss unsinnig und ein perfektes Beispiel eines unnötigen Projekts, für das in Zürich Geld aus dem Fenster geschmissen wird.
Anna-Béatrice Schmaltz widerspricht. «Unser Vorstoss ist faktenbasiert. Fachpersonen haben uns bestätigt, dass ein Bedürfnis nach Schliessfächern besteht.» Laut SIP Züri übernachteten in Zürich rund 30 Personen während des ganzen Jahres draussen. «Es braucht nicht Tausende von Schliessfächern», sagt Schmaltz. Die Stadt müsse diese Menschen unterstützen undsolidarisch sein, sie gehörten zu unserer Gemeinschaft.
Andere Schweizer Städte sprechen von einem Erfolg. «Die Schliessfächer sind total ausgebucht und sehr beliebt», sagt Markus Habegger vom Tageshaus für Obdachlose der Stiftung Sucht in Basel. Hier besteht das Angebot seit fünf Jahren. Damit man einen Badge bekomme, müsse man sich registrieren. «Damit vermeiden wir, dass verbotene Substanzen gelagert werden.» Die 16 elektronischen Schliessfächer seien von Novartis finanziert worden. Damit habe man eine gute Lösung für Menschen auf der Strasse gefunden.
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