Vision einer Vogelinsel
Während die Stadt Zürich das Seebecken ökologisch aufwerten will, warnen Fachleute vor dem zunehmenden Druck auf Wasservögel. Linke fordern eine künstliche Vogelinsel im Zürichsee. - Von Ginger Hebel
Haubentaucher auf seinem Nest im Zürichsee. Der Lebensraum für Brutvögel wird immer enger. Bild: Daniel Bürgi
Während die Stadt Zürich das Seebecken ökologisch aufwerten will, warnen Fachleute vor dem zunehmenden Druck auf Wasservögel. Linke fordern eine künstliche Vogelinsel im Zürichsee. - Von Ginger Hebel
Der Zürichsee ist ein Anziehungspunkt für Menschen, aber auch ein Lebensraum für Vögel. Besonders im Winter lassen sich rund ums Bellevue Lachmöwen, Höckerschwäne und Blässhühner, genannt «Taucherli», gut beobachten. Doch dieser Raum wird zunehmend knapp: «Fast die gesamte Uferzone des Zürichsees ist verbaut oder stark durch Freizeitaktivitäten, Schifffahrt und Siedlungen genutzt. Es existieren kaum noch natürliche Flachwasserzonen», warnt Martin Schuck, stellvertretender Geschäftsführer von BirdLife Schweiz in Zürich. Doch genau diese seien entscheidend: Hier ruhen Wasservögel, hier finden sie Nahrung. Der Zürichsee ist für eine Vielzahl von Arten bedeutend – insbesondere während des Winterhalbjahres, wenn auch internationale Zugvögel hier rasten. «Sie konzentrieren sich auf wenige geeignete Bereiche, was zu erhöhtem Konkurrenzdruck und Störungen führt», sagt Schuck.
Um dem entgegenzuwirken, fordern Grüne, AL und SP die Errichtung einer künstlichen Insel im Zürichsee, die Lachmöwen, Fluss-Seeschwalben und Enten Schutz vor den Menschenmassen sowie ausreichend Brut- und Rastplätze bieten soll. Die Insel könnte ein kleines Naturparadies mitten im urbanen Trubel werden. «Es fehlt im unteren Seebecken an gezieltem Lebensraum für Wasservögel, die durch Freizeitnutzung stark unter Druck stehen», sagt Sibylle Kauer, Zürcher Gemeinderätin der Grünen, welche die Vision einer Vogelinsel unterstützt. Sie betont: «Die geplanten ökologischen Flachwasserzonen sollen in mehreren Metern Tiefe ohne Uferbereich entstehen und kommen somit vor allem Pflanzen und Fischen zugute.»
Vogelinsel als Meilenstein
Die Stadt Zürich plant eine ökologische Aufwertung des Seebeckens. Unter anderem durch Aufschüttungen des Seegrunds sollen neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen entstehen. Die Kosten werden auf rund 69 Millionen Franken geschätzt. Was hält das Zürcher Tiefbauamt von einer möglichen Vogelinsel? «Wird das Postulat überwiesen, werden wir uns zu gegebener Zeit dazu äussern. Im Rahmen der ökologischen Aufwertungen der Seeufer wird stellenweise die landseitige Ufervegetation angepasst. Dadurch entsteht unter anderem für Vögel wertvoller Lebensraum», sagt Carla Nägeli vom Tiefbauamt Stadt Zürich.
Die Massnahmen dienen jedoch nicht nur dem Naturschutz: Sie sind Voraussetzung für die Neukonzessionierung bestehender Anlagen, darunter sechs städtische Hafenanlagen, deren Konzessionen Ende 2026 auslaufen. Für die Seeschüttungen soll das Aushubmaterial von SBB-Grossprojekten wie beispielsweise dem Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen verwendet werden. Falls kein Ausgleich möglich ist, müssten die Anlagen entfernt und der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt werden. Nägeli: «Die rechtzeitige Umsetzung dieser Massnahmen ist anspruchsvoll. Technische und logistische Herausforderungen sowie Interessenkonflikte im stark genutzten Seebecken müssen berücksichtigt werden.»
Martin Schuck von Birdlife sieht hier jedoch Verbesserungsbedarf: «Die bisher geplanten Schüttungen sind zu tief angelegt, damit Wasservögel davon profitieren könnten. Flachere Bereiche um die Insel würden wertvollen Nahrungsraum schaffen», ist er überzeugt.
Dass es am Zürichsee für Brutvögel immer enger wird, bestätigt auch Mathias Ritschard von Orniplan. Das Stadtzürcher Planungsbüro hat eine umfassende Kartierung entlang des gesamten Ufers von Zürich- und Obersee vorgenommen. Die detaillierte Auswertung steht zwar noch aus, doch schon jetzt sprechen die Fachleute von eindeutigen Befunden. «Im Gebiet des unteren Zürichsees gibt es nur noch sehr wenig Lebensraum für Brutvögel. Steile, verbaute Ufer lassen kaum Raum für Nester und Rückzugsorte», sagt Mathias Ritschard von Orniplan. Die meisten Vorkommen von Brutvögeln, insbesondere von anspruchsvollen und bedrohten Arten, konzentrieren sich auf den Obersee. Darunter bemerkenswerte Namen wie Zistensänger, Zwergdommel, Braunkehlchen und Schellente – ein Hinweis darauf, welches ökologische Potenzial das Gebiet trotz zunehmender Verbauung noch birgt.
Erfolgreiche Beispiele von «Vogelinseln» existieren bereits: Am Genfersee entstand mit der künstlich aufgeschütteten Île de Préve-renges ein wertvoller Brut- und Rastplatz. «Eine vergleichbare Insel wäre eine grosse Chance, in einer stark genutzten Landschaft gezielt ökologischen Mehrwert zu schaffen – eine echte Oase für Zugvögel, die kaum noch Rückzugsräume finden», betont Vogelexperte Martin Schuck. Er ist überzeugt: «Gelingt ein solches Projekt, wäre es ein ökologischer Meilenstein für den Kanton Zürich – mit überkantonaler Vorbildwirkung.»
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