Im «Spielzeugfreien Kindergarten» werden Spielsachen für ein paar Wochen in die Ferien geschickt. Das Projekt spaltet die Meinungen. Symbolbild: Unsplash
18.03.2026 11:33
Spielen ohne Spielzeug
Das Projekt «Spielzeugfreier Kindergarten» polarisiert. Während Initiatoren und Befürworter eine Chance sehen, soziale Fähigkeiten von Kindern zu fördern, kritisieren Politiker und Eltern, dass man vier- bis sechsjährigen Kindern Spielsachen wegnimmt – ohne elterliches Mitspracherecht. - Von Ginger Hebel
«Tagblatt»-Leserin Nina König und Mami einer fünfjährigen Tochter ist verärgert. Eigentlich hatte sie sich auf den Kindergartenstart und die neue Lebensphase ihrer Tochter gefreut. Doch seit einiger Zeit weine ihr Mädchen häufiger als sonst, ziehe sich zurück und wirke verunsichert. Für König ist der Grund klar: Im Kindergarten darf ihre Tochter nicht mehr mit Spielsachen spielen – zumindest nicht mit jenen, die sie mag. Puppen oder Spielzeugautos gibt es derzeit nicht. Für die Mutter «eine Zumutung».
In mehreren Kindergärten der Stadt Zürich verschwinden für acht bis zehn Wochen sämtliche Spielsachen. Das Projekt trägt den Namen «Spielzeugfreier Kindergarten». Kinder spielen für eine gewisse Zeit ohne vorgefertigtes Spielzeug – also ohne Dinge, die Erwachsene speziell für Kinder entworfen haben, wie Puppen, Bauklötze oder Autos. Das sorgt für Kritik aus Politik und Elternschaft.
Das freie Spiel stärken
Neu ist das Konzept nicht. Jedes Jahr setzen mehrere Kindergärten und Basisstufen im Kanton Luzern dieses Projekt um. Im aktuellen Schuljahr sind es 19. «Die Erfahrungen damit sind positiv», berichtet Fabienne Marbach vom Ressort Kindheit, Prävention und Suchttherapie bei Akzent Luzern, welche das Projekt begleitet. Der Begriff «spielzeugfrei» führe jedoch häufig zu Missverständnissen. «Es ist nicht das Ziel, Kindern etwas wegzunehmen, sondern das freie Spiel bewusst zu stärken», sagt Marbach. Es stünden vielseitig einsetzbare Materialien zur Verfügung. Kartons, Tücher oder Schachteln sollen die Fantasie anregen und Kinder dazu bringen, eigene Ideen zu entwickeln – und Langeweile auszuhalten.
Für den Zürcher SVP-Politiker Johann Widmer ist das «unsinnig». Gemeinsam mit Parteikollegen hat er sich an die Stadt Zürich gewandt und verlangt Antworten zur entwicklungspsychologischen Vertretbarkeit des Projekts, zur Einwilligung der Eltern, zum Datenschutz und zum Kindeswohl. «Den Kindern werden nicht nur sämtliche Spielzeuge entzogen, sondern auch vertraute Materialien, Malutensilien sowie zentrale Orientierungshilfen des Kindergartenalltags», kritisiert Widmer.
Befürworter sehen darin eine Chance, Kreativität, Selbstständigkeit und soziale Fähigkeiten zu fördern. Im Zentrum stehe das freie, selbstbestimmte Spiel. Dieses habe seit den 1990er-Jahren gesellschaftlich an Bedeutung verloren, sei für die Entwicklung jedoch zentral. «Kinder lernen im freien Spiel, die Welt zu verstehen, Erlebnisse zu verarbeiten und ihre Gefühle auszudrücken», betont Marbach.
Kein Mitspracherecht
Gemäss Konzept sollen Lehrpersonen in dieser Zeit primär beobachten und nur im Ausnahmefall eingreifen. Kritiker monieren, dass Kinder damit täglich über längere Zeit sich selbst und den sozialen Dynamiken in der Gruppe überlassen würden. Gleichzeitig würden Stressreaktionen, Frustrationen, Aggressionen oder Konflikte beobachtet und dokumentiert. Dass Beobachtungen während des Projekts festgehalten werden, bestätigt Fabienne Marbach von Akzent Luzern. Dies geschehe jedoch auch im normalen Kindergartenalltag. Die Notizen dienten als Grundlage für Elterngespräche.
Auch der Zürcher Politiker und Sekundarlehrer Stefan Urech äussert Zweifel. «Am Ende des Tages geht es im Kindergarten um soziale Grundlagen und Vorbereitung auf die Schule, nicht um doktrinäre Wertevermittlung.» Problematisch findet Urech vor allem, dass Eltern nicht entscheiden können, ob ihr Kind am Projekt teilnehmen soll. Ob ein Kindergarten das Projekt durchführt, liegt im Ermessen der Lehrperson. Eltern werden informiert und an Elternabenden einbezogen, haben jedoch kein direktes Mitspracherecht beim schulischen Inhalt.
Johann Widmer spricht von einem «psychologischen Experiment auf dem Rücken von Vier- bis Sechsjährigen.» Aus seiner Sicht würden bewusst Stresssituationen erzeugt: Routinen, feste Abläufe und eingeübte Strukturen würden während der Projektphase teilweise aufgehoben – also genau jene stabilisierenden Elemente, die zuvor über Monate aufgebaut wurden. Er berichtet von Rückmeldungen besorgter Eltern. Einige hätten dem Projekt nicht zugestimmt, andere würden sogar überlegen, ihre Kinder aus dem städtischen Kindergarten zu nehmen und in einen Privatkindergarten zu schicken.
Auch im Kanton Aargau nehmen jährlich rund 15 bis 20 Kindergärten teil. Mark Bachofen von der Suchtprävention Aargau betont das Potential des Projekts. «Kinder brauchen Raum und Zeit, um eigene Ideen zu entwickeln.» Langeweile sei nicht schlecht, sagt er – sie könne Kreativität fördern. Wichtig sei allerdings, dass Lehrpersonen freiwillig am Projekt teilnehmen. «Wer nicht dahintersteht und eine positive Haltung dazu hat, sollte es nicht durchführen.» Für Politiker Johann Widmer stellt sich auch die Frage, weshalb Kindergartenkinder als potenzielle Risiko- oder Problemgruppe betrachtet würden – etwa im Zusammenhang mit späterem Suchtmittelkonsum, Aggression oder Gewalt. Bachofen betont: «Es geht nicht darum, Sucht zu verhindern, sondern Kompetenzen zu stärken, die Menschen benötigen, um Herausforderungen aktiv zu bewältigen.» Das Projekt sei Teil der Prävention und ziele darauf ab, Lebenskompetenzen zu stärken.
Irina Kammerer, Fachpsychologin für Psychotherapie und Kinder- und Jugendpsychologie FSP an der Universität Zürich sieht im Projekt eine Möglichkeit, den «Überfluss» und die vielen, auf die kleinen Kinder einprasselnden Reize, für einmal wegzunehmen. «Und ihnen somit die Möglichkeit zu geben, wieder ihre inneren Impulse wirken zu lassen.» In einer reizarmen Umgebung könnten sich Offenheit für Neues und Ideenreichtum entfalten, so die Einordnung aus psychologischer Sicht.
Kritiker bleiben skeptisch. Sie warnen vor möglicher Überforderung einzelner Kinder, erhöhtem Lärm, Unfallrisiken durch umfunktionierte Möbel oder davor, dass zurückhaltende Kinder im freien Spiel untergehen könnten. Die Diskussion hat inzwischen eine politische Dimension angenommen. Laut Tatjana Jaun von den Schulgesundheitsdiensten/Sucht-präventionsstelle Stadt Zürich werden wegen einer hängigen Interpellation keine Medienanfragen zum Thema beantwortet. Es bleibt vorerst offen, wie die Stadt auf die Kritik reagieren wird. Klar ist jedoch: Der «spielzeugfreie Kindergarten» hat eine Grundsatzdebatte ausgelöst – über Pädagogik, Kreativität und die Frage, wie viel Experiment im Kindergarten erlaubt sein soll.