Koloniales Unrecht korrigiert
Die Rückgabe der sogenannten Benin-Bronzen markiert einen Wendepunkt im Umgang mit kolonialer Raubkunst: Zürich und Genf übertrugen Eigentumsrechte an Nigeria. - Von Jan Strobel
Olugbile Holloway: «Die Schweiz steht zu ihrem Wort». Bild: PD
Die Rückgabe der sogenannten Benin-Bronzen markiert einen Wendepunkt im Umgang mit kolonialer Raubkunst: Zürich und Genf übertrugen Eigentumsrechte an Nigeria. - Von Jan Strobel
Als Stadtpräsidentin Corine Mauch ihre Unterschrift auf das Vertragsdokument setzt, erschallt im Musiksaal des Stadthauses Zürich ein Segensruf. «Ise!», rufen die anwesenden Vertreter des «Oba», des Monarchen des Königreichs Benin im heutigen Nigeria. «Es ist besiegelt!». Neben Corine Mauch unterzeichnen auch die anwesenden Vertreterinnen des Museums Rietberg, des Völkerkundemuseums der Universität Zürich sowie des Ethnografischen Museums Genf die Urkunden.
Für die drei Schweizer Museen, die nigerianischen Kulturbehörden und die Bewahrer der königlichen und spirituellen Tradition der Edo-Kultur war es der vorläufige Abschluss eines Prozesses, der 2021 seinen entscheidenden Impuls erhielt. Damals schlossen sich acht Schweizer Museen unter Leitung des Museums Rietberg zur Benin Initiative Schweiz zusammen, um gemeinsam mit nigerianischen Partnern die Herkunft ihrer Benin-Werke, den sogenannten «Benin-Bronzen», zu erforschen.
Diese mehrjährige Forschungsarbeit kam zum Schluss: Von den 94 untersuchten Artefakten stammten insgesamt 55 gesichert oder mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit aus Plünderungen während der britischen Kolonialzeit. 2024 stellte die National Commission for Museums and Monuments (NCMM) in Nigeria eine formelle Restitutionsforderung. Mit der nun am Freitag erfolgten Vertragsunterzeichnung übertrugen die Städte Zürich und Genf die Eigentumsrechte von insgesamt 28 Objekten an Nigeria, darunter 14 Artefakte aus dem Völkerkundemuseum der Universität Zürich und elf aus dem Museum Rietberg. Im Juni werden 18 Objekte zurück nach Nigeria transportiert. Die restlichen verbleiben als Leihgaben in den Schweizer Museen. «Die Schweiz steht zu ihrem Wort», lobte Olugbile Holloway, Generaldirektor der NCMM, die Zusammenarbeit zwischen den beiden Ländern. Für Holloway, einem der profiliertesten Verfechter des kulturellen Erbes in Nigeria, sind die nun restitutierten Objekte wie «Kinder, die entführt worden waren». Mit der Eigentumsüber-gabe werde eine koloniale Ungerechtigkeit langsam rückgängig gemacht. Auch Stadtpräsidentin Corine Mauch bezeichnete die Rückgabe als «Anerkennung von kolonialem Unrecht».
Dass die Objekte heute überhaupt in Museen weltweit – und auch in Zürich – zu sehen sind, geht auf eines der dunkelsten Kapitel der Kolonialgeschichte in Westafrika zurück. 1897 unternahmen die Briten eine Strafexpedition nach Benin, verwüsteten und plünderten Benin-Stadt und versetzten damit dem Königreich den Todesstoss. Niedergebrannt wurden auch zeremonielle Gebäude, Paläste und heilige Stätten. Die Objekte wurden aus den Palästen und zeremoniellen Stätten geraubt und nach Europa verschickt. Über den internationalen Kunstmarkt gelangten einige von ihnen schliesslich auch nach Zürich.
Die nun erfolgte Übergabe der Benin-Objekte schafft für die Museen die Grundlage dafür, dass das Land seine Geschichte auf eigene Weise erforschen, bewahren und vermitteln kann. Der Eigentumstransfer sei «ein notwendiger Schritt der historischen Aufarbeitung, ein Zeichen des Respekts – und ein Ausdruck gelebter internationaler Zusammenarbeit», heisst es in ihrer gemeinsamen Stellungnahme. Nach ihrer Rückkehr soll ein Grossteil der Artefakte in Nigeria für die Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht werden, unter anderem in Museen in der nigerianischen Hauptstadt Lagos und in Benin-City. Andere werden an den Palast des Oba gehen. Dem König kommt heute nach wie vor eine spirituelle Rolle zu.
Hitzige Kontroversen
Bereits 2023 allerdings entbrannte rund um die internationale Rückgabepraxis von Benin-Bronzen an Nigeria eine Kontroverse. Eine US-amerikanische Aktivistengruppe von «Afrodescendants» – Nachfahren versklavter Afrikanerinnen und Afrikaner – kritisierte die Fokussierung auf die Plünderungen von 1897. Es gelte ebenso, die Rolle afrikanischer Eliten im Sklavenhandel zu hinterfragen. Viele Bronzen seien aus Materialien gefertigt worden, die im transatlantischen Sklavenhandel verwendet wurden, so die Organisation. Nachfahren versklavter Afrikaner hätten aus diesem Grund ebenfalls ein Recht auf die Objekte und müssten in Verhandlungen mit einbezogen werden. «Die Bronzen gehören uns allen», so das Credo der Gruppe.
Im Oktober berichtete zudem die britische Zeitung «The Guardian» von ungeklärten Besitzverhältnissen und Konflikten im Zuge vergangener Rückgaben zwischen der nigerianischen Regierung und dem Königshof von Benin. Manche Objekte würden nicht automatisch in Museen ausgestellt, sondern unter der Kontrolle des Königshauses bleiben. Damit werde der Zugriff auf Originale erschwert. Allerdings ist in Benin-City ein Museum in unmittelbarer Nachbarschaft zur königlichen Residenz geplant. Dort sollen die Bronzen im Besitz des Oba künftig präsentiert werden.
In den letzten Jahren kam es zu bedeutenden Restitutionen: 2022 übertrugen deutsche Museen rund 1100 Werke an Nigeria, 2025 folgte die Rückgabe von 119 Objekten durch die Niederlande und im Februar informierte die Universität Cambridge über die Eigentumsübertragung von 116 Objekten an Nigeria.
Lade Fotos..