Abwehrbereit: Goalie Seraina Kuratli im Jahr 2025 bei einem Länderspiel gegen Japan. Foto: SHV/Benjamin Faes; freshfocus
07.04.2026 17:03
«Sind auf dem richtigen Weg»
Das Schweizer Handball-Nationalteam der Frauen steht kurz vor der Qualifikation zur EM-Endrunde 2026. Das letzte und vielleicht entscheidende Gruppenspiel gegen Italien findet am Sonntag in der Saalsporthalle statt. Lokalmatadorin Seraina Kuratli hofft auf einen Sieg und feurige Fans. - Von Sacha Beuth
Nach 2022 und 2024 (jeweils EM) sowie 2025 (WM) setzt die Frauen-Handballnati der Schweiz erneut zum grossen Wurf an: Der Qualifikation zur EM-Endrunde 2026. Hinter den bereits qualifizierten Niederländerinnen stehen die Schweizerinnen mit 4 Punkten auf Rang 2 der Gruppe 2, der ebenfalls zu einer Teilnahme an der Europameisterschaft berechtigt. Diesen Platz gilt es morgen Donnerstag auswärts gegen Bosnien-Herzegowina (aktuell 2 Punkte) und am Sonntag beim Heimspiel gegen Italien (ebenfalls 2 Punkte) in der Saalsporthalle zu verteidigen. Lokalmatadorin Seraina Kuratli von GC Amicita verrät, was es dafür braucht und wie es nach einer allfälligen Qualifikation weitergehen soll.
Die Qualifikation für die EM-Endrunde 2026 ist zum Greifen nah. Wie gross ist bei Ihnen die Anspannung für die beiden letzten Gruppenspiele?
Seraina Kuratli: Die Anspannung ist gross, aber auch die Vorfreude. Anders als bei den Gruppenspielen gegen die Niederlande sind wir nun in der Favoritenrolle. Gut ist zu wissen, dass wir es selber in der Hand haben, also aus eigener Kraft schaffen können.
Sowohl Bosnien wie Italien konnten in den bisherigen Gruppenspielen bezwungen werden. Was braucht es, damit dies wieder gelingt?
In beiden Spielen eine stabile Teamleistung und vor allem eine sehr solide Verteidigung – mit einer erneut starken Lea Schüpbach (Goalie Nummer 1, die Red.). Wichtig ist, dass wir als Team Lösungen finden und uns nicht in Einzelaktionen verzetteln.
Wo liegen die Stärken und Schwächen dieser Gegner?
Bei Bosnien fehlt es mehr noch als bei uns an Erfahrung, vor allem über die ganze Breite des Kaders gesehen. Ihr Angriffsspiel besteht meist aus Einzelaktionen. Unser Ziel muss es sein, sie zu Würfen aus 9 Metern zu zwingen. Gegen Italien hatten wir auswärts ein spannendes Hinspiel vor temperamentvollen Fans. Vor heimischer Kulisse können sie typisch italienisches Feuer entzünden. Das dürfte ihnen in Zürich fehlen. Ansonsten sind die Italienerinnen relativ berechenbar. Wenn es uns gelingt, ihre Topspielerinnen abzumelden, sind unsere Chancen auf einen Erfolg hoch.
Das letzte Gruppenspiel gegen die Italienerinnen in der Saalsporthalle könnte die entscheidende Partie sein. Was erhoffen Sie sich als Lokalmatadorin davon?
Bei einem Länderspiel in der Saalsporthalle mitzumachen, ist für mich als Zürcher Spielerin immer speziell. Es wäre toll, wenn die Halle möglichst voll wäre und die Fans uns ebenso feurig unterstützen wie es das Publikum in Italien bei ihrem Team tat – damit wir dann miteinander die hoffentlich erfolgreiche Quali feiern können.
Als Gruppensieger stehen die Niederländerinnen fest. Diese dürfen bereits auf einen Weltmeistertitel, WM-Silber, WM-Bronze und EM-Silber zurückblicken, drangen aber erst in den letzten 10, 15 Jahren in die Weltspitze vor. Die Schweizerinnen haben sich in dieser Zeit zweimal für eine EM- und einmal für eine WM-Endrunde qualifizieren können. Warum sind uns die Holländer voraus?
Eine gute Frage, die schwierig zu beantworten ist. Mir fehlt natürlich der Einblick in den niederländischen Verband. Aber was ich so mitbekomme, ist die holländische Liga nicht wirklich besser als unsere. An dem liegt es also eher weniger. Hingegen gibt es ihre Handball-Akademie schon länger als unsere (siehe Box links unten, die Red.) und sie ist auch professioneller. In ihrer A-Nati haben sie gleich 12, 13 Spielerinnen, die mittlerweile Champions League spielen. Und auch der Juniorinnenbereich ihrer Akademie ist umfangreicher, womit wiederum mehr Spielerinnen eines Jahrgangs an Turnieren Erfahrungen sammeln können. Dennoch brauchen wir uns in der Schweiz diesbezüglich keinen Stress zu machen. Wir sind auf dem richtigen Weg.
Offiziell sind sie als Natigoalie Nummer 2 aufgeführt. Fällt es leicht, diese Rolle zu akzeptieren?
Wer hinter einer Lea Schüpbach die Nummer 2 ist, kann grundsätzlich zufrieden sein. Aber natürlich ist es mein Ziel, sie eines Tages zu beerben. Dabei darf man nicht vergessen, dass es in der Schweiz auch andere Goalies gibt, die einen guten Job machen. Von daher konzentriere ich mich vorerst darauf, die Nummer 2 zu behalten – und gesund zu bleiben.
Wir sind optimistisch und glauben an eine Qualifikation der Schweizerinnen. Darum ein Blick nach vorn: Die EM-Endrunde findet im Dezember in Polen, Rumänien, Tschechien, der Slowakei und der Türkei statt. Fühlt sich das bei so vielen Gastgeberländern überhaupt als Endrunde an?
Das haben wir uns auch schon gefragt. Andererseits ist es an Turnieren eh so, dass Du, je weiter Du kommst, von Ort zu Ort ziehst. Da spielt es keine Rolle, ob dies im gleichen Land geschieht oder Du von Land zu Land reist. Dennoch bin ich gespannt, wo wir den grössten Teil unserer Partien austragen werden.
Wo wären Sie denn am liebsten stationiert?
In Polen war ich noch nie, das wäre interessant. Aber ich glaube am liebsten wäre mir Rumänien. Die haben echt Super-Fans, die für eine Top-Atmosphäre sorgen.
Welche Gruppengegner wünschen Sie sich für die Endrunde?
Rumänien oder Deutschland, obwohl dies beides starke Gegner wären. Grundsätzlich wünsche ich mir eine Gruppe, die machbar ist.
Welches sind aus Ihrer Sicht die Favoriten für den Titel?
Dänemark gehört immer zu den Favoriten. Jedoch ist Norwegen fast übermächtig. Deutschland und Frankreich machen auch einen tollen Job.
Und wie wird die Schweiz abschneiden?
Das hängt stark davon ab, wen wir in der Gruppe haben werden. Ein realistisches Ziel dürfte allgemein das Erreichen der nächsten Runde, also der Hauptrunde sein.
Seraina Kuratli (geb. 18. 4. 2007) wohnt in Wohlen AG, ist Goalie von GC Amicitia Zürich, der Schweizer Nati sowie Mitglied der Concordia Handball-Akademie. Sie spielte in diversen Schweizer Nachwuchsteams, gab 2024 gegen die Türkei (37:26) ihr Debüt im A-Nationalteam und absolvierte bislang (Stand 1. 4. 2026) 20 Länderspiele.
Das «Tagblatt» verlost 3 x 2 Tickets für das EM-Qualifikationsspiel der Schweizer Handballerinnen gegen Italien am Sonntag, 12. April, in der Saalsporthalle Zürich (Spiel-beginn 18 Uhr). Schreiben Sie uns eine E-Mail mit Namen, Adresse, Telefon und dem Betreff Quali an gewinn@tagblattzuerich.ch