Weissbuch mit Grautönen
Der Stadtraum rund um den Hauptbahnhof soll grundlegend umgewandelt werden. Doch das Weissbuch des Stadtrats sorgte im Gemeinderat erwartungsgemäss für politischen Zoff. - Von Jan Strobel
Die Vision: Ein freier Bahnhofplatz als Flanierzone für den Fussverkehr. Visualisierung: Atelier Brunecky, Zürich
Der Stadtraum rund um den Hauptbahnhof soll grundlegend umgewandelt werden. Doch das Weissbuch des Stadtrats sorgte im Gemeinderat erwartungsgemäss für politischen Zoff. - Von Jan Strobel
Am Anfang der Debatte um den «Stadtraum HB» im Gemeinderat stand letzten Mittwoch ein frommer Wunsch. Die Vision einer – möglichst autofreien – «Rückgewinnung» dieses zentralen Raums rund um den Hauptbahnhof dürfe nicht zu einem «ideologischen Verkehrsprojekt» werden, appellierte GLP-Gemeinderätin Xenia Voellmy an das Plenum.
Im September hatte der Stadtrat sein 165 Seiten starkes Weissbuch «Aufbruch in den Stadtraum Hauptbahnhof 2050» publiziert. 12 Jahre lang war an dessen Ausarbeitung gefeilt worden. Und wie ein Funken auf trockenem Holz entfachte die Publikation sofort Kritik, besonders von bürgerlicher Seite, aber ebenso von Veloverbänden. Gemäss Stadtrat repräsentiert der Stadtraum HB heute Zürich «nicht mehr angemessen». Über die Jahrzehnte sei der ehemals freie Bahnhofplatz den wachsenden Ansprüchen des Autoverkehrs gehorchend «immer mehr zugebaut» worden, heisst es im Weissbuch. Es stellt die Frage in den Raum: «Was wäre, wenn das Zentrum der Stadt Zürich nicht länger vom Autoverkehr dominiert würde? Wenn es Luft, Grün, Licht und ein sicheres Neben-und Miteinander von Zufussgehenden, Tram, Bus und Velofahrenden – und weniger Autos gäbe?»
Am Mittwoch sollte das Stadtparlament das Werk nun absegnen als «ersten Schritt auf einem langen Weg», wie es Tiefbauvorsteherin Simone Brander formulierte. Behandelt wurden ebenso bereits einige Begleitvorstösse, etwa zur Realisierung einer Tramlinie über das Neumühlequai, die oberirdischen Veloverbindungen über den Bahnhofplatz, die Bahnhofbrücke und das Central oder über den Umbau des Tunnels unter dem Bahnhofquai mit getrennter Führung von Velo- und Autoverkehr.
Kritik kam im Gemeinderat zunächst von der FDP. Das Weissbuch sei «ein Paradebeispiel für gelungenes Polit-Marketing», so der freisinnige Gemeinderat Andreas Egli. Ein wirklich vernetzter Verkehrsraum Hauptbahnhof werde nicht anerkannt. Letztlich sei eine reine «Anti-Auto-Vision» ins Weissbuch gepresst worden. SVP-Gemeinderat Stephan Iten seinerseits zeigte sich geradezu fassungslos: «Wie kommt man dazu, eine so wichtige Verkehrsdrehscheibe in eine Erholungszone verwandeln zu wollen?» Für den Politiker ist klar: Der im Weissbuch entworfene Stadtraum HB «wird ein Traum bleiben», umso mehr, als das Weissbuch vom Kanton nicht unterzeichnet worden sei.
Tatsächlich befinden sich der überwiegende Teil des Strassenraums rund um den Hauptbahnhof als Regionale Verbindungsstrassen in der Zuständigkeit des Kantons. Seitens des Kantons waren allerdings Fachpersonen von verschiedenen Abteilungen in den Planungsprozess zum Weissbuch einbezogen und am Dialog für eine zukünftige Entwicklung beteiligt.
Die SP andererseits begrüsst das Bekenntnis des Stadtrats zu einer Vision für den Stadtraum HB. SP-Gemeinderätin Anna Graff konterte in der Debatte die Kritik aus dem bürgerlichen Lager. SVP und FDP seien noch nicht bei den «urbanen und klimatischen Prioritäten des 21. Jahrhunderts» angekommen. Es sei zwingend, dass besonders dem stetig wachsenden Fussverkehr in diesem Stadtraum eine deutlich höhere Dringlichkeit zugemessen werde.
Auch Grünen-Gemeinderat Markus Knauss unterstrich diesen Punkt. Der Fussverkehr wachse, der Raum bleibe aber eng begrenzt. Das Auto als nicht flächeneffizientes Verkehrsmittel behindere diese Entwicklung. Heute nutzen täglich rund 700 000 Zufussgehende den Stadtraum HB. Im Jahr 2050 rechnet das Weissbuch mit bis zu 900 000.
Dieses prognostizierte Wachstum ist auch für Stadträtin Simone Brander einer der zentralen Herausforderungen. Der Fluss des Fussverkehrs werde rund um den Hauptbahnhof derzeit «massiv beeinträchtigt». Die Tiefbauvor-steherin zog im Gemeinderat eine Metapher aus der Medizin heran: Rund um das Herz von Zürich befinde sich ein «verstopftes Gefässsystem». Mit der Vision eines neuen Stadtraums HB eröffne sich die «historische Chance, Fehler zu beheben und diesen Raum aus dem Autokorsett zu befreien.» In Zukunft sollen rund ums Bahnhofs-gebäude die Zufussgehenden den Ton angeben. Der Velodurchgangsverkehr soll gemäss Weissbuch primär nicht über den Bahnhofplatz geleitet werden. Die Velovorzugsroute führt über die Beatengasse und Schweizergasse. Die Uraniastrasse wiederum soll sich nicht mehr als «vierspurige Innenstadtautobahn» präsentieren, sondern als «angenehme und sichere Alternativroute für Velos», so Simone Brander.
Auch für die AL stimmt die Stossrichtung des Weissbuchs. Gemeinderat Michael Schmid allerdings plädierte in der Debatte dennoch für Achtsamkeit. Es dürfe in einem künftig aufgewerteten Stadtraum HB nicht zu einer «schleichenden Kommerzialisierung» kommen, zu einem Raum, zugestellt mit Boulevardgastronomie oder Events. Zudem könne eine Aufwertung zu einer endgültigen Verdrängung des angestammten Gewerbes führen.
Eine Mehrheit im Gemeinderat segnete das Weissbuch erwartungsgemäss ab, verlangte aber dennoch bereits eine erste Korrektur. Sie will den Veloverkehr mit einer oberirdischen Führung über den Bahnhofplatz, die Bahnhofbrücke und das Central stärken. Das entsprechende Postulat von SP, Grünen, GLP und AL wurde an den Stadtrat überwiesen.
Ebenso wurde der Vorstoss zu einer Tramlinie über das Neumühlequai – wie sie auch das Weissbuch vorsieht – überwiesen. Damit soll dereinst insbesondere die Haltestelle Bahnhofquai/HB entlastet werden. Ebenfalls überwiesen wurde der Vorstoss zum Umbau des Tunnels unter dem Bahnhofquai unter anderem mit einer getrennten Führung von Veloverkehr und Autospur. SVP-Gemeinderat Stephan Iten liess an der Debatte seine Irritation darüber deutlich durchblicken: «Jetzt wollt ihr den letzten Lichtblick für den Autoverkehr auch wieder mit einer Veloführung zunichte machen.»
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