Arbeitswelt im Umbruch
Die Stadt Zürich möchte die berufliche Entwicklung der Bevölkerung fördern. Michèle Rosenheck, Direktorin Laufbahnzentrum Zürich, weiss, wie man seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht. - Von Ginger Hebel
«Wer bereit ist, sich neu einzuarbeiten, erhöht seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt deutlich», sagt Michèle Rosenheck vom Laufbahnzentrum.
Die Stadt Zürich möchte die berufliche Entwicklung der Bevölkerung fördern. Michèle Rosenheck, Direktorin Laufbahnzentrum Zürich, weiss, wie man seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöht. - Von Ginger Hebel
Die Stadt Zürich setzt verstärkt auf die Förderung der Arbeitsmarktfähigkeit ihrer erwachsenen Bevölkerung. Besonders im Fokus stehen Personen mit geringen oder ungeeigneten Qualifikationen, die überdurchschnittlich häufig von Arbeitslosigkeit betroffen sind. «Arbeitsmarktfähigkeit ist gefährdet, wenn Kompetenzlücken zu gross werden – entweder, weil sich jemand über längere Zeit nicht weiterentwickelt hat, in derselben Funktion ohne Weiterbildung geblieben ist oder weil sich die Anforderungen in Beruf und Branche rasch wandeln», sagt Michèle Rosenheck, Direktorin des Laufbahnzentrums der Stadt Zürich.
Die Stadt unterstützt mit sogenannten Arbeitsmarktstipendien gezielt Aus- und Weiterbildungen, um die Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Neu sollen auch innovative Projekte und Programme gefördert werden. Vom 16. Juni bis 15. September können private Trägerschaften ihre Ideen einreichen, die auf die langfristige Stärkung der Arbeitsmarktfähigkeit bestimmter Zielgruppen abzielen.
Ein Schwerpunkt liegt auf Grundkompetenzen sowie dem Berufsabschluss für Erwachsene. Ebenso gesucht sind innovative Begleitformate, die den Zugang zu Weiterbildung erleichtern, oder Projekte, um Personen frühzeitig zu erreichen und zu beraten, die ihre gefährdete Arbeitsmarktfähigkeit noch nicht erkannt haben.
Gefragte Kompetenzen
Ein Studium ist heute keine Job-garantie mehr. Die Nachfrage nach hochqualifizierten Fachkräften steigt zwar, gleichzeitig gewinnen praxisorientierte Berufe – insbesondere im Handwerk, in der Pflege oder im technischen Bereich – an Bedeutung, da sie weniger automatisierbar sind. «Wir beobachten, dass formale Abschlüsse allein weniger ausschlaggebend sind als früher. Entscheidend ist heute neben dem Bildungsweg die kontinuierliche Weiterentwicklung von Kompetenzen», sagt Rosenheck. Neben fachlichen Qualifikationen gewinnen Problemlösungsfähigkeit, Lernbereitschaft und Anpassungsfähigkeit an Bedeutung.
Künstliche Intelligenz verändert den Arbeitsmarkt grundlegend, ersetzt laut Rosenheck aber weniger ganze Berufe als einzelne Tätigkeiten. «Gefragt bleiben soziale, kreative und handwerkliche Kompetenzen sowie Tätigkeiten an der Schnittstelle zwischen Mensch und Technologie. Zunehmend wichtig werden auch Datenverständnis, digitale Anwendung und kritisches Denken.» Gleichzeitig entstehen neue Berufsbilder, während Routinearbeiten wegfallen oder sich stark verändern. Im Zentrum stehe daher weniger der «sichere Beruf» als die eigene Weiterentwicklungsfähigkeit.
Im Falle einer Arbeitslosigkeit sei es wichtig, die Bewerbungsstrategie zu schärfen und das eigene Profil zu positionieren. «Ebenso zentral ist die Aktivierung und Pflege von Netzwerken, da viele Stellen über informelle Kontakte vergeben werden», weiss Rosenheck.
Auch der Bewerbungsprozess verändert sich stark. Er ist heute digitalisiert, oft standardisiert und zunehmend durch künstliche Intelligenz geprägt. «Klassische Motivationsschreiben verlieren an Aussagekraft», sagt Rosenheck. Wichtig seien klar strukturierte, auf die Stelle zugeschnittene Unterlagen sowie die Fähigkeit, Kompetenzen prägnant darzustellen. Digitale Dossiers müssen sowohl für Menschen als auch für automatisierte Systeme (z. B. Bewerbermanagementsysteme) lesbar sein. No-Gos sind laut Michèle Rosenheck unstrukturierte oder generische Bewerbungen, fehlende Anpassung an das Stellenprofil sowie unprofessionelle Online-Präsenzen. «Ein unreflektierter Einsatz von KI-generierten Texten kann nachteilig sein, wenn diese nicht individualisiert werden.»
Viele Menschen sind heute gezwungen, sich beruflich neu zu orientieren. Eine erfolgreiche Umorientierung beginnt laut Michèle Rosenheck mit einer fundierten Standortbestimmung, wie sie etwa das Laufbahnzentrum der Stadt Zürich anbietet. Wichtig sei es, Umorientierung nicht als Bruch, sondern als Weiterentwicklung zu verstehen. Viele bestehende Fähigkeiten – etwa in Organisation, Kundenkontakt oder Technik – liessen sich in neue Berufsfelder übertragen.
Fehlende Berufserfahrung sei dabei kein Ausschlusskriterium, auch wenn diese in der Selektion eine hohe Gewichtung hat. «Entscheidend ist, Kompetenzen sichtbar zu machen, auch diejenigen, die ausserhalb klassischer Erwerbsbiografien entstanden sind – etwa in der Familienarbeit, im Ehrenamt oder in früheren Tätigkeiten.»
Rosenheck weiss: «Viele Menschen bleiben aus Sicherheitsdenken und Bequemlichkeit in vertrauten, aber nicht mehr passenden Berufen.» Der Arbeitsmarkt verändere sich jedoch dynamisch, und insbesondere Fachkräftemangel, Digitalisierung und neue Berufsbilder eröffneten Chancen für Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger. «Wer bereit ist, sich neu einzuarbeiten und Lernen als kontinuierlichen Prozess versteht, erhöht seine Chancen deutlich.»
Ein etabliertes Angebot ist «Viamia», eine kostenlose berufliche Standortbestimmung für Personen ab 40 Jahren. Das Programm stösst in der Stadt Zürich auf reges Interesse. «Viele nutzen die Möglichkeit, ihre berufliche Situation systematisch zu reflektieren und Perspektiven zu entwickeln. Besonders geschätzt wird die niederschwellige und unabhängige Beratung», sagt Rosenheck.
Ziel ist es, die Arbeitsmarktfähigkeit dieser Altersgruppe langfristig zu sichern. Gerade technologische und strukturelle Veränderungen können bestehende Qualifikationen schneller entwerten. Gleichzeitig nimmt die Weiterbildungsaktivität mit zunehmendem Alter oft ab, weshalb frühzeitige Standortbestimmungen an Bedeutung gewinnen.
Fachwissen aktuell halten
Oft machen sich insbesondere Mütter Sorgen um ihre berufliche Laufbahn. Das Bild vom Kind als Karrierekiller ist in vielen Köpfen noch präsent, entspricht laut Michèle Rosenheck jedoch nur teilweise der Realität. «Längere Erwerbsunterbrüche – etwa durch Kinderbetreuung – können den Wiedereinstieg erschweren, insbesondere in dynamischen Berufsfeldern. Davon sind Frauen häufiger betroffen, da sie weiterhin einen grösseren Teil unbezahlter Care-Arbeit leisten.» Ihr Tipp: Ein Teilpensum oder ein gestufter Wiedereinstieg kann den Anschluss erleichtern. «Bereits geringe Erwerbstätigkeit hilft, Fachwissen aktuell zu halten, Netzwerke zu pflegen und Selbstvertrauen zu stärken.»
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viamia.ch
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